Bob Dylan, schillernde Ikone des Folk, Rock und Pop, tritt in I’M NOT THERE gleich sechsfach in Erscheinung. Als 11-jähriger Singer- Songwriter (Marcus Carl Franklin) reist er Ende der 50er Jahre durchs Land wie einst die schwarzen Blues-Legenden. Mit 19 ist er ein scharfzüngiger Poet (Ben Whishaw), wenig später ein erfolgreicher Folk-Troubadour (Christian Bale) im pulsierenden Greenwich Village der frühen 60er. Kaum als Stimme einer neuen Generation gefeiert, erfindet er sich als Bandleader (Cate Blanchett) neu und stößt seine Fans mit elektrifiziertem Rock vor den Kopf. Er reüssiert als Schauspieler (Heath Ledger), scheitert als Familienvater, gerät als christlicher Prediger in Vergessenheit – und taucht wieder auf im Hinterland von Missouri: als in die Jahre gekommener Outlaw (Richard Gere), der sich noch einmal auf die Reise macht …
Regisseur Todd Haynes (DEM HIMMEL SO FERN) verknüpft diese Geschichten zu einer raffiniert verschachtelten, herrlich unkonventionellen Filmbiografie. Selbst so facettenreich und widersprüchlich wie sein Gegenstand, porträtiert I’M NOT THERE Bob Dylan als faszinierend vielfältige Persönlichkeit, als charismatischen, rätselhaften, widerspenstigen Star, der in keine Kategorie passt: Kaum glaubt man, ihn verstanden zu haben, ist er schon weitergezogen und längst ein Anderer.
Nachdem das Genre des Musiker-Biopics in den letzten Jahren mit RAY und WALK THE LINE zwar bemerkenswerte, aber inhaltlich und stilistisch eher klassisch-konventionelle Lebensporträts berühmter Künstler hervorgebracht hat, geht Todd Haynes mit seinem Dylan-Film aufregend neue Wege. Seine Affinität zur Popmusik hatte der Regisseur schon mit dem Underground-Kurzfilm SUPERSTAR: THE KAREN CARPENTER STORY (1987) und der Glam- Rock-Fantasie VELVET GOLDMINE (1997) demonstriert. I’M NOT THERE setzt diese Tradition einerseits fort und führt andererseits in seiner faszinierenden Komplexität weit über seine Vorgänger hinaus.
Haynes’ neues Werk entzieht sich auf spektakuläre Weise jeder einfachen Definition. Gab es je einen Film, der so vieles zugleich ist? Schillernde Collage, raffinierte Pseudo-Dokumentation, präzise recherchiertes Feature, romantisches Märchen, naturalistisches Drama, selbstreflexiver Film- im-Film, wehmütiges historisches Epos und überkandidelte Parodie – all das ist I’M NOT THERE, ein zum Bersten mit erfundener Realität und dokumentarischer Fiktion angefülltes multidimensionales Porträt.
Mit seiner Struktur, die mal an ein Mosaik, mal an ein Puzzle und mal an ein Memory-Spiel erinnert, bespiegelt, dreht, wendet und untersucht es sein Subjekt: eine Persönlichkeit, die sich jeder endgültigen Festlegung seit Jahrzehnten erfolgreich verweigert, den unaufhörlichen Wandel zu ihrem wichtigsten Lebensund Arbeitsprinzip erhoben hat und deshalb, wie der Titel suggeriert, nie dort ist, wo man sie gerade vermutet. In einer ungewöhnlichen Mischung aus assoziativer Spekulation und analytischer Genauigkeit entsteht so eine kraftvolle Hommage, die auch vor gelegentlicher respektloser Demaskierung der lebenden Legende Bob Dylan nicht zurückschreckt.
Mit scheinbar unerschöpflichem Erfindungsreichtum verknüpft Haynes mehr als zwei Stunden lang nachinszenierte Filmdokumente mit Originalaufnahmen, fiktionale Handlung mit realen Ereignissen und nüchtern-protokollartige Bilder mit fantasievollen Inszenierungen, die den Dylan-Songtexten, durch die sie inspiriert sind, in nichts nachstehen. Visuell wechselt der Film permanent zwischen den grobkörnigen, pseudo-dokumentarischen Schwarzweiß- und Farbaufnahmen, die den Werdegang der Folk-Ikone Jack Rollins (Christian Bale) begleiten und geschickt Martin Scorseses Dylan-Doku NO DIRECTION HOME zitieren, den leuchtenden Grünund Erdtönen der Woody-Guthrie- und Billy-The-Kid-Sequenzen, den videoartigen Schwarzweißbildern der Anhörung des Poeten Arthur Rimbaud (Ben Whishaw), den farbentsättigten 70er-Jahre-Bildern des Scheidungsdramas zwischen dem Schauspieler Robbie Clarke (Heath Ledger) und seiner Frau Claire (Charlotte Gainsbourg) und der in brillantem Schwarzweiß fotografierten Geschichte des gefeierten, aber am Rande des Burnouts operierenden Folkstars Jude Quinn (Cate Blanchett), der auf einer England-Tournee sein Publikum mit furioser Rockmusik gegen sich aufbringt, seinen Helden Allen Ginsberg (David Cross) und seine Nemesis in Gestalt des Journalisten Keenan Jones (Bruce Greenwood) trifft und eine verunglückte Affäre mit dem Society-Girl Coco Rivington (Michelle Williams) verarbeitet.
Diese Wechsel gelingen nicht zuletzt deshalb so nahtlos und elegant, weil Haynes die Songs von Bob Dylan – mal im Original, mal in großartigen Neuinterpretationen von Künstlern wie Tom Verlaine, Calexico, Sonic Youth und John Doe (alias Christian Bale) als Brücken und Klammern einsetzt und zusätzlich Überlappungen einbaut: So sieht Woody Guthrie (Marcus Carl Franklin) in einer Traumsequenz Claire und begegnet in einer anderen Szene seinem Alter Ego Billy The Kid (Richard Gere), und der Filmstar Robbie Clarke spielt in seinem größten Leinwanderfolg „Grain of Sand“ den Folksänger Jack Rollins (Christian Bale), der in einer späteren Inkarnation wiederum zum Prediger Pastor John wird. Innerhalb der einzelnen Sequenzen gibt es zusätzlich Rückblenden, etwa wenn Claire sich an die glückliche Anfangszeit mit Robbie erinnert. Dennoch wirkt die komplexe Struktur des Films nie bemüht oder willkürlich, sondern fügt sich zu einem organischen Ganzen, einer filmisch- musikalischen Komposition, die bewusst darauf verzichtet, ein Urteil zu fällen und der vielgestaltigen Figur Dylan damit wohl mehr gerecht wird als jede noch so gut recherchierte Dokumentation. Vielleicht hat Dylan dies geahnt. Jedenfalls ist I’M NOT THERE der erste Film über sein Leben, den er durch eine Autorisierung geadelt hat.
Dylans chamäleonartige Fähigkeit, sich selbst neu zu erfinden, verdeutlicht Todd Haynes durch den Einsatz verschiedener Schauspieler, die jeweils in ihrer Rolle andere Namen tragen und individuelle Biographien besitzen:
Marcus Carl Franklin repräsentiert als 11-jähriger Vagabund Woody die Anfangszeit Dylans in New York, als sich der aus geordneten Mittelklasse-Verhältnissen stammende Teenager mit erfundenen Geschichten ein geheimnisvolles, aufregendes Vorleben andichtete. Christian Bale spielt als Jack Rollins den aufrichtigen, politisch motivierten Folk- Helden der frühen 60er Jahre, als der Dylan bis zum Beginn seiner elektrischen Phase galt und in der er mit seinen in die Musikgeschichte eingegangenen Alben wie „The Freewhellin’ Bob Dylan“ und „The Times They Are AChangin’“ eine ganze Generation begeisterte. Ben Whishaw verkörpert als Arthur Rimbaud das wild-poetische Element des kreativen Dylan. Unter der Befragung einer namenlosen Kommisiion antwortet Arthur in den geistreich-ironischen Zitaten aus Dylans berühmten Interviews aus dem Jahr 1965.
Cate Blanchett portraitiert als Jude Quinn den auf dem Höhepunkt seines Ruhms stehenden Musiker, der zwischen Arroganz, Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit pendelt. Kurz nach seinen Folk-Rock-Klassikern wie „Highway 61 Revisited“ und „Blonde on Blonde“ schockierte Dylan seine Fans mit Elektro-Rock und einem zunehmend nihilistischen, auch von Drogen beeinflussten öffentlichen Auftreten, das ihn auch zur Zielscheibe öffentlicher Kritik machte und ihn, begleitet von emotionalen Enttäuschungen, in eine existenzielle Krise stürzte.
Heath Ledger bringt als Filmstar und Motorrad- Fan Robbie Clarke die unangenehmsten Eigenschaften Dylans zum Vorschein – Untreue, Machismo, Narzissmus und Verbitterung. In dieser Person spiegelt sich gleich zeitig auch Dylans Liebesleben, und es spannt sich der Bogen von seinen frühen Liebesliedern, die er seiner Freundin Suze Rutolo Anfang der Sechziger widmete (von den Alben „The Freewheelin’ Bob Dylan“ und „Another Side of Bob Dylan“) bis hin zu den Liedern aus der Zeit seiner Ehe mit Sarah Loundes und der Trennung (von den Alben „Blonde on Blonde“, „Planet Waves“ und „Blood on the Tracks“). Noch einmal Christian Bale porträtiert den einstigen Folksänger als zum religiösen Fundamentalisten konvertierten Prediger John Doe in den späten Siebzigern. In dieser Zeit entstanden auch Dylans Gospel Songs, die er zwischen 1979 und 1981 einspielte („Slow Train Coming“, „Saved“ und „Shot of Love“)
Richard Gere schließlich spielt Dylan als gealterten, lebensweisen Outlaw Billy The Kid, der zurückgezogen und fernab vom Auge der Öffentlichkeit lebt, bis ihn die Ereignisse zur abermaligen Flucht zwingen. Eine Referenz an Dylans zahlreiche Fluchten aus dem öffentlichen Leben, u.a. seinen Rückzug nach Woodstock 1967, wo er „The Basement Tapes“ und „John Wesley Harding“ aufnahm. Die im Western-Stil gedrehten Szenen reflektieren auch Dylans Begeisterung für Country Music und das Western-Genre (von seinem Album „Nashville Skyline“, seiner Rolle in Sam Packinpahs Western PAT GARRETT & BILLY THE KID aus dem Jahr 1973 und dem Soundtrack zum Film bis hin zur „Rolling Thunder Revue“ Tour und dem gleichnamigen Live-Album in 1976) sowie sein stetiges Interesse an den Wurzeln der traditionellen amerikanischen Musik und Folklore.
Alle sechs Hauptdarsteller sind brillant und tragen einen unverzichtbaren Teil zum Gelingen des Projekts bei. Die beeindruckendste Performance kommt jedoch von Cate Blanchett, die auf fast beängstigende Weise in die Haut Dylans schlüpft und den überdrehten, flamboyanten Star, der Dylan 1966 war, in Sprache, Körper - lichkeit und Attitüde wieder auferstehen lässt. Auf dem Film festival von Venedig wurde Blanchett dafür als Beste Schauspielerin geehrt, darüber hinaus gilt sie schon jetzt als chancenreiche Anwärterin auf einen Academy Award. Auch für Todd Haynes, der in Venedig den Spezialpreis der Jury gewann, und seinen Film, der mit dem CinemAvvenire-Preis ausgezeichnet wurde, werden diese Ehrungen wohl nicht die letzten gewesen sein. Bob Dylan ist ein Künstler wie kein anderer. I’M NOT THERE ist ein Film wie kein anderer.