In grauer Vorzeit der Heldensagen stellt sich der mächtige Krieger Beowulf dem Duell mit dem monströsen Dämon Grendel. Der Sieg über ihn erregt den höllischen Zorn von Grendels ruchlos-verführerischer Mutter, der für ihre Rache jedes Mittel recht ist.
Gewaltige Schlachtpanoramen, spektakuläre Kämpfe mit sagenhaften Drachen, Verrat und Intrigen am Königshof, die urwüchsige Gier des Menschen nach Reichtum und Macht – sie alle verwebt der Oscar-preisgekrönte Regisseur Robert Zemeckis („Forrest Gump“) zu einem digital gefilmten und animierten Monumentalepos, das mit seinen buchstäblich grenzenlosen Fantasy- Dimensionen alle bisherigen Seherfahrungen in den Schatten stellt.
Verklärt von den Nebeln der Zeit, kämpften in einer magischen Ära verwegene Helden und Monster um Gold, Ruhm und Ehre. Selbst in jener Epoche war Beowulf eine Ausnahmegestalt: Er trat an, um das alte dänische Königreich vor der Vernichtung durch eine gottlose Kreatur zu bewahren. Dafür erhält der zwei Meter große, unerschütterlich selbstbewusste und ehrgeizige Wikinger die Königswürde. Über Beowulf entstanden im ganzen Königreich Lieder, die seine gewaltige Kraft und seine Heldentaten besingen: Er eilt König Hrothgar zu Hilfe, dessen Reich von dem ruchlosen Monster Grendel verwüstet wird: Grendel verbreitet Angst und Schrecken, indem er die Bürger quält und verschlingt.
Als Beowulf das Reich von dieser wilden Bestie befreit, bringt ihm das Ruhm und Reichtum ein: Er bekommt verführerische Angebote. Ob es ihm gelingt, mit dieser neuen Macht weise umzugehen, wird seinen Ruf als Krieger, Sieger, Führer, Ehemann und vor allem als Mensch prägen.
„Beowulf“ ist das älteste bekannte Versepos in englischer Sprache. Robert Zemeckis’ Filmfassung übernimmt viele Figuren und Motive des Gedichts – gewaltige Monster und Helden, den ewigen Kampf Gut gegen Böse, die vielschichtigen Facetten von Tapferkeit und Ruhm –, aber mit dem Schulstoff „Beowulf“ hat der Film dennoch wenig gemein.
„Offen gesagt: Das Originalepos hat mich nicht angesprochen“, gibt Zemeckis zu. „Ich weiß noch, dass ich es in der Mittelstufe lesen musste, aber ich verstand es nicht, weil es in Altenglisch abgefasst ist. Also einer dieser schrecklichen Pflichtlektüren. Seitdem habe ich nie wieder daran gedacht, ich bin nie darauf gekommen, dass eine interessante Geschichte darin stecken könnte. Doch als ich dann das Drehbuch von Neil Gaiman und Roger Avary las, war ich auf der Stelle fasziniert. Ich fragte sie: ,Wieso reißt mich euer Skript derart mit, während ich mich bei dem Epos so gelangweilt habe?‘ Ihre Antwort: ,Na ja, das Epos entstand zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert. Und schon damals hatte man sich die Geschichte jahrhundertelang weitererzählt. Im 7. Jahrhundert beherrschten ausschließlich Mönche die Schriftsprache. Wir gehen also davon aus, dass sie die Geschichte stark bearbeitet haben.‘ Neil und Roger lasen zwischen den Zeilen, entdeckten, dass Teile des Quellenmaterials unvollständig waren, und ergänzten, was die Mönche ihrer Meinung nach ausgelassen hatten. Die Essenz des Epos blieb erhalten, aber die beiden bereiteten es für das moderne Publikum auf – und machten im Verlauf ihrer Arbeit revolutionäre Entdeckungen. Das wird unter den Wissenschaftlern große Diskussionen auslösen.“
Als Zemeckis die Story mit den beiden Autoren weiterentwickelte, arbeitete er sich derart in das Thema ein, dass jeder Schullehrer stolz auf ihn wäre: „Als ich durch das Skript Feuer gefangen hatte, las ich das Epos erneut, sprach mit Beowulf-Experten und tauchte tief in die Legende ein. Viele Motive des Beowulf-Epos entstammen der Bibel: der Werdegang des Helden, der Kampf Gut gegen Böse, der Preis des Ruhms. Und so kommt es, dass ,Beowulf‘ wiederum die Grundlage für alle unseren modernen Helden bildet – von Conan bis zu Superman und dem unglaublichen Hulk.“
„Was die Beowulf-Legende so attraktiv macht: Sie ist ein großartiges, mythisches Action-Abenteuer mit Monstern und verführerischen Frauen – Wesen, die zumindest in unserem Unterbewusstsein seit Urzeiten existieren“, fügt Produzent Jack Rapke hinzu.
Rückblickend erweisen sich Gaiman und Avary als für dieses Projekt perfekt geeignet: In Gaimans Lebenslauf heißt es: „Im ,Dictionary of Literary Biography‘ wird er unter den zehn bedeutendsten postmodernen Autoren geführt, er hat sich durch Prosa, Lyrik, Drehbücher, journalistische Artikel, Comics, Songtexte und Theaterstücke einen Namen gemacht.“ Vor allem die Comic-Fans schätzen seine DC-Comics-Serie „Sandman“, die mit neun Will Eisner Awards der Comic-Branche sowie mit drei Harvey Awards ausgezeichnet wurde. „Sandman Nr. 19“ erhielt 1991 den World Fantasy Award als Beste Kurzgeschichte und war damit der erste Comic, der einen Literaturpreis gewann.
Auch Avary genießt großes Ansehen aufgrund seiner düsteren, provokanten und innovativen Drehbücher und Filme, zu denen das Oscar-preisgekrönte Skript zu „Pulp Fiction“ (Pulp Fiction; gemeinsam mit Quentin Tarantino) sowie einflussreiche Regiearbeiten wie der in Cannes ausgezeichnete „Killing Zoe“ (Killing Zoe) und die Kinofassung von Bret Easton Ellis’ Roman „The Rules of Attraction“ (Einfach unwiderstehlich!; Kinotitel: Die Regeln des Spiels) gehören.
Gaiman und Avary begannen ihre Zusammenarbeit mit einem Drehbuch zu Gaimans „Sandman“. Daraus wurde zwar nie ein Film, aber die beiden merkten, wie gut sie harmonierten. Dennoch erwies sich die Kinofassung des Versepos „Beowulf“ für Gaiman und Avary als eine lange, seltsame, schließlich aber sehr fruchtbare Odyssee.
„Bei der Arbeit an ,Sandman‘ verstand ich mich bestens mit Roger. Ich mag ihn und auch, wie er denkt“, sagt Gaiman. „Irgendwann erwähnte er, dass er immer schon ,Beowulf‘ verfilmen wollte, aber bisher war er jeweils an der Verbindung der ersten beiden Akte mit dem dritten gescheitert, denn laut Struktur geht es zunächst um Beowulfs Kampf, dann um die Auseinandersetzung mit Grendels Mutter, und dann folgt 50 Jahre später sein Kampf gegen den Drachen. Das entspricht nicht der normalen Drei-Akt-Struktur von Drehbüchern. Ich schlug ihm ein paar Lösungsmöglichkeiten vor. Es entstand eine Pause, und dann sagte Roger: ,Wann hast du Zeit?‘“
„Letztlich konstruierte Neil den Schlüssel zur einheitlichen Feldtheorie zu ,Beowulf‘, an dem ich schon zehn Jahre laboriert hatte“, sagt Avary. „Das Epos erschien mir immer zusammenhaltlos – vor allem wirkt Beowulf nie als ein verlässlicher Erzähler. Ein Beispiel: Grendel greift Hrothgar niemals an, sondern quält ihn nur. Warum? Daraus ergab sich die simple Frage, die aus unerfindlichen Gründen bisher niemand gestellt hatte: Wer ist Grendels Vater? Das machte mir wirklich zu schaffen. Grendels Verhalten erschien plötzlich logisch, wenn man es unter diesem Gesichtspunkt betrachtete. Später reißt Beowulf Grendel den Arm ab, und Grendel zieht sich zum Sterben in seine Höhle zurück.
Nachdem Grendels Mutter Vergeltung geübt hat, wagt sich Beowulf in die Höhle – angeblich, um Grendels Mutter zu töten. Doch er kommt aus der Höhle mit Grendels Kopf wieder, nicht mit dem seiner Mutter – das ist sehr verwirrend. Beowulf behauptet, er habe Grendels Mutter getötet – aber das erfahren wir nur von ihm. Wo bleibt der Beweis, dass er die Mutter getötet hat? Für mich war klar, dass Beowulf genau wie (meiner Meinung nach auch) Hrothgar der Verführung nachgegeben hat – den Versuchungen einer Sirene. Er schloss den Pakt mit einem Dämon. Dann, im zweiten Teil des Gedichts, ist Beowulf König geworden – sein Reich wird von einem Drachen angegriffen. Ich konnte nicht begreifen, wie das alles zusammenhängt. Ich sprach mit Neil über meine Vermutungen, als er die erstaunliche Bemerkung machte, dass der Drache Beowulfs Sohn sein könnte – eine Sünde, die sich jetzt gegen ihn wendet. Plötzlich ergaben die beiden Hälften des Beowulf-Epos, die nie zusammenpassen wollten, einen perfekten Spannungsbogen.
Wäre es eine Schlange gewesen, hätte sie mich gebissen. Es ist durchaus möglich, dass diese Strukturelemente in den Hunderten von Jahren mündlicher Überlieferung verloren gingen und später von den christlichen Mönchen weiter verwässert wurden, die christliche Elemente hinzufügten, als sie das Epos auf dem Pergament niederschrieben, das heute als Manuskript Cotton Vitellius A.xv bekannt ist.“
Gaiman und Avary waren nicht die Ersten, denen die ungelenke Konstruktion des Originalgedichts auffiel. David Wright schreibt in der Penguin-Classics-Ausgabe des „Beowulf“: „Frühe Kritiker und Kommentatoren des ,Beowulf‘, aber auch viele spätere haben sich sarkastisch darüber ausgelassen, wie unbeholfen die Handlung wirkt. Denn auch als Gedicht ist das Epos schlampig konstruiert – vollgestopft mit Fragmenten aus der Geschichte skandinavischer Stämme und mit unordentlich wirkenden Anspielungen auf scheinbar irrelevante Begebenheiten und Legenden.“ Wright berichtet auch, dass J.R.R. Tolkien, Schöpfer von „The Lord of the Rings“ (Der Herr der Ringe), von der kraftvollen Dichtung beeindruckt war. In seinem berühmten Essay „Beowulf: The Monsters and Critics“ (Die Ungeheuer und ihre Kritiker) stellte Tolkien unter anderem fest, dass Beowulf zwar eine Art Superheld ist, sich am Ende aber menschlich, allzu menschlich verhält und dadurch untergeht: „Er ist ein Mensch, und das ist für ihn und viele andere schon Tragödie genug.“ Zemeckis beurteilt den Helden ganz ähnlich: „Unser Beowulf hat deutlich mehr Fehler, er ist eher ein menschlicher Held als ein Gott. Er ist keine Figur wie Thor, sondern eine reale Person mit vielen Schwächen – von denen die Überheblichkeit die entscheidende ist.“
Es ist ziemlich offensichtlich, dass es Tolkien weit weniger Spaß machte als Gaiman und Avary, über die Hauptfigur zu schreiben. „Roger und ich flogen nach Mexiko, wo er sich von einem Freund für eine Woche ein Haus gemietet hatte“, sagt Gaiman. „Diese Woche arbeiteten wir wie wahnsinnig. Wir saßen mitten in Stapeln von Beowulf-Übersetzungen – alle, die wir auftreiben konnten. Manche stellten auf jeder Seite den altenglischen Text der englischen Übersetzung gegenüber. Wir installierten unsere Computer und schrieben wie die Irren. Dann kehrten wir mit einem Drehbuch zurück, das Bob Zemeckis las und sofort verfilmen wollte.“ Zemeckis hatte mit seinem innovativen Film „The Polar Express“ (Der Polarexpress) ein neues Format namens Performance Capture entwickelt und merkte sofort, dass diese neue Kunstform wunderbar für Gaimans und Avarys Epos „Beowulf“ geeignet ist – in der Geschichte geht es um überlebensgroße Helden und Dämonen, um spektakuläre Schlachten vor der Kulisse eines mythenumwobenen Landes.
„Bob erkannte die Möglichkeiten, diese Geschichte in genau dem Stil zu erzählen, den wir mit ,Polarexpress‘ geschaffen haben“, sagt Produzent Steve Starkey. Der Vorteil beim Performance-Capture-Verfahren liegt laut Starkey nicht so sehr in der Technik, sondern bei den Schauspielern. Unzählige digitale Sensoren werden auf ihren Gesichtern und mithilfe eines eng anliegenden Lycra-Trikots an ihren Körpern befestigt, so dass die realen Darstellungen der Schauspieler als Input-Daten von einem Computer „fixiert“ werden können. Das Spiel der Akteure findet in einem unsichtbaren Raum statt, der als „Volume“ bezeichnet wird – er ist aufgeteilt in Quadranten und kann bis zu 40 Kameras enthalten. („Volume“ ist ein Fachbegriff der Performance-Capture-Techniker und bezeichnet eine Studiobühne.
Der Name wurde gewählt, weil viele Kameras die Szenen gleichzeitig in drei Dimensionen aufnehmen können. Die klassische geometrische Formel für „Volumen“ umfasst die Achsen x, y und z, mit denen Breite, Höhe und Länge definiert werden.) Genauer gesagt: Ein Volume ist der Bereich, auf den alle Kameras gerichtet sind und in dem die mimischen und körperlichen Bewegungsdaten aufgenommen werden können. Takes oder „Beats“ der zahlreichen Capture-Aufnahmen kann man bearbeiten, mischen und einander anpassen. Mit „Der Polarexpress“ hat Zemeckis demonstriert, dass das neue Medium mitreißende Resultate hervorbringt, die überhaupt nicht wie „Cartoons“ wirken, sondern sehr eng am ursprünglichen kreativen Ausdruck der Schauspieler und der Inszenierung orientiert sind.
Bei „Beowulf“ stößt Zemeckis nun in eine neue technologische Dimension vor. „Bei einem Performance-Capture-Film kann man jede Rolle doppelt besetzen – einerseits für die Darstellung, andererseits für das Aussehen. Das heißt: Man trennt das Aussehen einer Figur von dem Darsteller, der die Rolle spielt“, sagt Starkey. „Das ist einer der Gründe, warum wir uns für dieses Verfahren entschieden. Ein Beispiel: Auf unserem gesamten Planeten gibt es keinen Menschen, der so aussieht, wie Bob sich den Beowulf vorstellt, niemand kann ihn so spielen, wie Bob das erwartet. Beowulf ist überlebensgroß, und kein realer Mensch kann verkörpern, was Bob in dieser Figur sieht. Wie kann man also zusammenbringen, was sich von vornherein ausschließt? Indem man den bestmöglichen Schauspieler besetzt und dann den Look einer zwei Meter großen, Christus-ähnlichen Figur im Computer schafft. Das Gleiche gilt für Grendel. Wenn wir Grendel traditionell filmen würden, würden wir eine 3,5 Meter große Puppe auf dem Set dirigieren und ergänzende Computerbilder hinzufügen. In diesem Fall engagierten wir den perfekten Darsteller, der Grendels Qual und Leid ausdrücken kann, ohne von Masken oder unbequemen Kostümen behindert zu werden. Im traditionellen Stil hätten wir das niemals machen können“, sagt Starkey abschließend.
„Weil es sich um eine mythologische Geschichte handelt, spielt die fotografisch naturgetreu nachgebildete Realität gar keine so große Rolle“, fügt Produzent Rapke hinzu. „Außerdem wäre es in der 2-D-Welt praktisch unmöglich, Bobs visuelles Konzept umzusetzen. Doch mit unserem Verfahren hatten wir die Möglichkeit, jede Rolle mit dem Darsteller zu besetzen, den wir für geeignet hielten. Auf diese Weise konnten wir bestimmte Hürden nehmen und viele Aspekte umsetzen, die im traditionellen Filmstil einfach nicht realisierbar wären.“
Avary fügt hinzu, dass mithilfe von Performance Capture der Film so gedreht werden konnte, wie er ihn sich immer vorgestellt hatte – nichts war unmöglich: „Ich fand es vor allem interessant, dass wir uns mit diesem Verfahren tatsächlich auf die Darstellungen konzentrieren konnten. Ich hatte mir den Film immer als Kammerspiel vorgestellt – er spielt am Königshof, wo es zu Intrigen zwischen den Menschen mit ihren vielschichtigen Beziehungen kommt. Ich habe mir immer eine voll ausgearbeitete, von Gefühlen getragene Geschichte vorgestellt. Ich erinnere mich, dass Bob sagte: ,Jungs, macht, was ihr wollt – wenn Beowulf gegen den Drachen kämpft, dann soll er wirklich mit dem Drachen kämpfen.‘ Es gab keinerlei Auflagen oder Einschränkungen – Neil und ich konnten also ganz ohne die Handschellen schreiben, wie sie sonst beim Film üblich sind“, bemerkt Avary.
Zunächst hatte Avary den Film geschrieben, weil er ihn selbst inszenieren wollte. Doch dann wurde ihm klar, dass Zemeckis’ Performance Capture eindeutig die beste Methode ist, seine Vision auf die Leinwand zu bringen. Umso überraschter und dankbarer war Avary, dass er auch weiterhin in den Produktionsprozess einbezogen wurde. „Beim üblichen Hollywood-Verfahren hätte man mich in einen sibirischen Gulag verbannt. Darauf war ich gefasst. Dass Bob genau das Gegenteil tat, zeugt davon, was für ein großer Regisseur und Mensch er ist. Er hat mit seinem Ego kein Problem und lud mich in seinen Kreis ein. Er begriff, dass Neil und ich dem Stoff gegenüber eine ganz spezifische Haltung entwickelt hatten, und war für unser Engagement, für unsere Beiträge immer dankbar“, erklärt Avary.