Mit „Corpse Bride – Hochzeit mit einer
Leiche“ führt Tim Burton die düster-romantische
Tradition seiner Klassiker „Edward mit den Scherenhänden“
und „The Nightmare Before Christmas“ fort.
Die Handlung dieses Puppentrickfilms spielt in einem
europäischen Dorf des 19. Jahrhunderts: Der junge
Victor (im Original gesprochen von JOHNNY DEPP) wird
in die Unterwelt entführt und mit einer geheimnisvollen
Leichenbraut (gesprochen von HELENA BONHAM CARTER)
vermählt, während seine eigentliche Braut
Victoria (gesprochen von EMILY WATSON) einsam in der
Welt der Lebenden zurückbleibt. Zwar geht es
im Totenreich sehr viel abwechslungsreicher zu als
in Victors streng viktorianischer Heimat, doch bald
spürt er, dass ihn weder diese noch die nächste
Welt davon abhalten können, zu seiner wahren
Liebe zurückzukehren. Tim Burton erzählt
diese Geschichte von Optimismus, Sehnsucht und einem
äußerst munteren Jenseits in seinem typischen,
klassischen Stil.
In einer düsteren, von viktorianischer Strenge
eingeschnürten Kleinstadt soll ein schüchternes
junges Paar vermählt werden, obwohl es sich überhaupt
nicht kennt. Das ungehobelte Fabrikantenpaar Nell und
William Van Dort (im Original gesprochen von Tracey
Ullman und Paul Whitehouse) ist durch Fischkonserven
zu Geld gekommen, aber zum Aufstieg in die feine Gesellschaft
fehlt den beiden einfach die Klasse. Im Gegensatz dazu
sind die alteingesessenen Aristokraten Maudeline und
Finis Everglot (gesprochen von Joanna Lumley und Albert
Finney) direkte Nachkommen des Herzogs von Everglot
– sie haben Klasse, erzählen aber freimütig
jedem, der zuhört, dass ihnen das Kleingeld schon
vor langer Zeit ausgegangen ist. Ihnen bleibt nur noch
ihr Name und ihre soziale Stellung…und, wie sich
herausstellt, ihre Tochter Victoria (gesprochen von
Emily Watson). Die Eltern haben nie viel von ihr gehalten,
aber vielleicht ermöglicht gerade Victoria der
Familie die Sanierung ihrer Finanzen, weil die Van Dorts
offenbar einen unverheirateten Sohn namens Victor (gesprochen
von Johnny Depp) haben.
Die
Everglots wollen sich also die Nase zuhalten und Victoria
widerwillig mit dem Sohn der schrecklichen Van Dorts
verheiraten, denn schließlich ist „reich“
der entscheidende Bestandteil in „neureich“.
Man schließt einen Vertrag und entwickelt eifrige
Betriebsamkeit, weil jedermann aufgeregt der Hochzeit
entgegenfiebert – Braut und Bräutigam allerdings
ausgenommen. Doch letztlich weiß jeder, dass die
Ehe nichts mit Liebe zu tun hat – da braucht man
nur Maudeline und Finis zu fragen. Victor und Victoria
lernen sich erst am Vorabend ihrer Hochzeit kennen:
Die Familien finden sich ein, um das erste Treffen der
Verlobten angemessen zu inszenieren – direkt im
Anschluss wird der Polterabend gefeiert. Es ist schwer
zu sagen, wer von den beiden schüchterner ist,
aber wider Erwarten scheint es, als ob Victor und Victoria
dennoch eine Chance bekommen, die wahre Liebe zu erleben.
Doch bei der Generalprobe der Zeremonie verhaspelt sich
Victor derart heillos (um dann aus Versehen das Kleid
seiner Schwiegermutter abzufackeln), dass Pastor Galswells
(gesprochen von Christopher Lee) ihn so lange hinausschickt,
bis er seinen Trauspruch fehlerfrei auswendig gelernt
hat.
Beschämt wandert Victor in den dunklen Wald vor
dem Dorf. Als er allein ist, kann er den Trauspruch
fehlerfrei aufsagen, er geht sogar so weit, als Krönung
den Trauring sanft über eine Baumwurzel zu streifen.
Die allerdings gar keine Baumwurzel ist. Ein grauenhafter
Moment: Die seltsame, wunderschöne verwesende Leiche
einer Frau erhebt sich in den Fetzen eines Hochzeitskleids
aus der Erde – sie trägt nun Victorias Trauring
auf ihrem knochigen Finger. Offenbar hat sich Victor
wider Willen mit dieser Leichenbraut (gesprochen von
Helena Bonham Carter) vermählt.
Seit sie in ihrer Hochzeitsnacht auf geheimnisvolle
Weise ermordet worden ist, wartet die Leichenbraut mit
gebrochenem Herzen darauf, dass ihr Bräutigam sie
abholt. Ihr Herz schlägt zwar schon lange nicht
mehr, aber dennoch hat sie nie aufgehört, ihre
wahre Liebe, ihren Ehemann, zu suchen, um mit ihm die
ewige Ruhe zu teilen. Aus Versehen ist nun Victor dieser
Bräutigam: Er wird ins Reich der Toten unter die
Erde geschleift, wo sein bisheriges, streng reglementiertes
Leben völlig auf den Kopf gestellt wird –
im Totenreich schließen die Kneipen nie, und die
Leichen sind viel lebendiger als alles, was sich über
der Erde in dem langweilig-düsteren Land der Lebenden
abspielt. Vergeblich versucht Victor zu Victoria zurückzukehren,
die einsam im Land der Lebenden zurückbleibt. Niemand
will ihr glauben, dass eine Tote ihren Verlobten in
die Unterwelt hinabgezerrt hat. Statt ihrer Tochter
zu helfen, arrangieren die Everglots hastig eine zweite
Hochzeit – diesmal mit dem mysteriösen und
unheimlichen Barkis Bittern (gesprochen von Richard
E. Grant), der zufällig zur rechten Zeit am rechten
Ort auftaucht und um Victorias Hand anhält…
Die Leichenbraut setzt alles daran, Victor auch weiterhin
durch ihre unheilige Ehe an sich zu binden. Doch Victor
muss dem Totenreich unbedingt entkommen, um die Liebe
seines Lebens in die Arme zu schließen.
Kann ein Lebender eine Tote heiraten?
Die Geschichte von der Leichenbraut und ihrem unglücklichen
Bräutigam, den sie am Vorabend seiner irdischen
Hochzeit in die Unterwelt entführt, entstammt einem
russischen Volksmärchen, das von der versehentlichen
Vermählung eines glücklosen Mannes mit einer
Toten erzählt. Die romantisch-makabre Story regte
die Fantasie des berühmten Autor/Regisseurs Tim
Burton an – zehn Jahre arbeitete er daran, die
Geschichte als Puppentrickfilm auf die Leinwand zu bringen.
1993 war „Tim Burton’s The Nightmare Before
Christmas“ (Tim Burton’s The Nightmare Before
Christmas) unter der Regie von Henry Selick Burtons
erster Ausflug ins Reich des Puppentricks. „Der
Puppentrick ist Kino zum Anfassen, was mir besonders
gefällt“, sagt Burton. „Ich finde es
traumhaft, die Figuren tatsächlich zu berühren
und zu verschieben, ihre dreidimensionale Welt direkt
zu erleben. Darin ähnelt die Technik dem Realfilm:
Wenn man alles nur vor der Bluescreen filmt, bekommt
man nie das Gefühl, mittendrin zu sein. Aber beim
Puppentrick stellt sich dieses Gefühl durchaus
ein.“
„Nach ,The Nightmare Before Christmas‘ suchte
ich nach einem neuen Stoff für diese Technik, denn
der Puppentrick liegt mir sehr“, fährt der
Regisseur fort. „Er stellt eine ganz besondere
Kunstform dar. Mein Freund Joe Ranft zeigte mir eine
kleine Geschichte, nur ein paar Absätze aus einem
alten Volksmärchen, und das schien mir für
diese Animationstechnik besonders geeignet zu sein.
Das ähnelt dem Besetzungsprozess – man versucht
das Medium mit dem Stoff zu verbinden. Und in diesem
Fall scheint die Verbindung sehr gelungen.“ „Die
Geschichte ist ungewöhnlich clever – durchaus
nicht das, was wir schon hundertmal gesehen haben“,
sagt Produzentin Allison Abbate, die bei „Nightmare“
für die künstlerische Koordination zuständig
war. „Sie entspricht ganz genau dem Tim-Burton-Look,
präsentiert schwarzen Humor und schrullige Figuren.
Doch vor allem gefiel mir am Drehbuch die herzzerreißende,
wunderschöne Geschichte.“
Burtons Karriere wird geprägt von sehr vielseitigen
Filmen, die alle seinen persönlichen Stil aufweisen,
während sie die unterschiedlichsten Storys und
Figuren mit verschiedenen Techniken auf die Leinwand
bringen. Zu nennen sind der aktuelle Hit „Charlie
and the Chocolate Factory“ (Charlie und die Schokoladenfabrik),
außerdem „Big Fish“ (Big Fish), „Planet
of the Apes“ (Planet der Affen), „Sleepy
Hollow“ (Sleepy Hollow – Köpfe werden
rollen), „Mars Attacks!“ (Mars Attacks!),
„Ed Wood“ (Ed Wood), „Tim Burton’s
The Nightmare Before Christmas“ (Tim Burton’s
The Nightmare Before Christmas), „Batman Returns“
(Batmans Rückkehr), „Edward Scissorhands“
(Edward mit den Scherenhänden), „Batman“
(Batman), „Beetlejuice“ (Beetlejuice) und
„Pee-wee’s Big Adventure“ (Pee-wees
irre Abenteuer). Wie stark seine ungewöhnliche
Fantasie ausgeprägt ist, zeigt sich in diesen höchst
unterschiedlichen Filmen, die alle Burtons unverwechselbare
Handschrift tragen. Ob sie lustig, bewegend, gruselig
oder rührend sind – alle seine Werke sind
originell, einfallsreich und unverkennbar von Tim Burton
geprägt. „Durch Tims Idee wird der Puppentrick
jetzt auch in der Öffentlichkeit wieder wahrgenommen“,
sagt Mike Johnson, der „Corpse Bride“ zusammen
mit Burton inszeniert hat. „Durch ,The Nightmare
Before Christmas‘ entstand eine neue Generation
von Puppentrick- Fans. Die Strukturen, die Unmittelbarkeit
des Genres kann man mit Computern einfach nicht erreichen.
Weil Tim sich mit Interesse und Leidenschaft für
die Technik stark macht, kann er derart aufwändige
Projekte anschieben.“
„Mike kann sich sehr sensibel in diese Technik
einfühlen“, sagt Burton. „Nur wenige
Menschen verstehen diesen Arbeitsprozess wirklich, und
man kann das Außenstehenden nur schwer erklären,
wenn sie sich in dieser ganz speziellen Welt nicht auskennen.“
„Ich habe mit Mike bereits an ,The Nightmare Before
Christmas‘ gearbeitet“, sagt Abbate. „Er
begeistert sich für den Puppentrick und hat ein
wunderbares Gespür für die Technik. Es handelt
sich um eine höchst komplizierte, extrem auf Details
fixierte Kunstform, man muss unglaublich viel körperliche
Arbeit investieren, um das Projekt buchstäblich
Einzelbild für Einzelbild voranzutreiben. Mike
hat das Team optimal motiviert und es durch die Herkulesarbeit
der Aufnahmen geleitet. Man muss einen eigenen Rhythmus
finden, das Team motivieren, 26 Sets und Hunderte von
Puppen im Auge behalten – das alles kann Mike.“
Eine tragische Geschichte von Liebe, Leidenschaft und
hinterhältigem Mord…
Danny Elfman, der seit Burtons erstem Film mit dem Regisseur
zusammenarbeitet, übernimmt diesmal auch die Singstimme
des coolen Katzengerippes Bonejangles, Leadsänger
der Gerippe-Band The Skeletones, die die Unterwelt jede
Nacht in der Kneipe „Ball and Socket“ (Kugelgelenk)
aufmischen. Durch die musikalischen Darbietungen von
Bonejangles und seiner Band erfährt der entsetzte
Victor die tragische Geschichte der Leichenbraut. Elfman
komponierte auch die übrigen drei Songs des Films,
darunter den musikalischen Auftakt „According
to Plan“, in dem Victors und Victorias Eltern
ihren Plan verkünden, ihren Nachwuchs aus reinem
Eigennutz miteinander zu verheiraten. „Wie schon
bei ,The Nightmare Before Christmas‘ hat mir das
Komponieren der Songs zu ,Corpse Bride‘ viel Spaß
gemacht“, sagt Elfman. „Tims optische Einfälle
bilden die perfekte Umgebung für die Musik, die
ich am liebsten mache. Seine wunderbar komischen, schwarzhumorigen
und abgedrehten Geschichten bilden eine traumhafte Grundlage
für ausgeflippte, etwas verrückte und seltsame
musikalische Stilübungen, vor allem im Stil meiner
liebsten Musikepoche, des Jazz der 1930er-Jahre. Hoffentlich
können wir das in Zukunft öfter machen.“
„Corpse Bride“ ist der 12. Film, den Elfman
und Burton gemeinsam gestaltet haben. Elfmans unverkennbare
und unvergessliche Musik gehört zu den Schlüsselelementen
der Burton-Filme „Edward Scissorhands“ (Edward
mit den Scherenhänden), „Batman“ (Batman),
„Sleepy Hollow“ (Sleepy Hollow – Köpfe
werden rollen), „Beetlejuice“ (Beetlejuice)
und natürlich „The Nightmare Before Christmas“.
Ihre kreative Zusammenarbeit begann bereits mit Burtons
Filmdebüt „Pee-wee’s Big Adventure“
(Pee-wees irre Abenteuer) – seitdem ergänzen
sich die beiden auf außergewöhnliche Weise.
„Lange bevor ich beim Film anfing oder auch nur
im Traum daran dachte, habe ich Oingo-Boingo-Konzerte
in den Clubs von L.A. erlebt – sie spielten sehr
kinogerechte Musik“, erinnert sich Burton. „Irgendwie
hörte sich das wie bizarre Soundtracks an. Daran
erinnerte ich mich, als ich dann die Chance bekam, ,Pee-wees
irre Abenteuer‘ zu drehen. Ich bat Danny mitzumachen.
Was toll war, denn weder ich noch er hatten je an einem
Film dieses Kalibers mitgearbeitet, wir sprangen also
gleichzeitig ins kalte Wasser und probierten das einfach
aus – dadurch ist eine Verbindung entstanden,
die bis heute hält.“
Kann ein Herz noch brechen, wenn es nicht mehr schlägt?
Die Produktion eines Puppentrickfilms ist eine einzigartige
Kunst – in mancher Hinsicht gleicht sie einem
Realfilm, denn es gibt dreidimensionale reale Sets,
die gebaut und ausgestattet werden, und die Darsteller
müssen kunstvoll frisiert, gut inszeniert und entsprechend
ausgeleuchtet werden. Aber falls wie in diesem Fall
die gesamte im Film gezeigte Welt (inklusive der Puppen-„Schauspieler“)
allein der Vorstellungskraft der Filmemacher entspringt,
hören die Gemeinsamkeiten an diesem Punkt auf,
und die unverwechselbaren Eigenarten der Kunstform treten
zutage.
Die Einzelbildaufnahmen der Puppentrick-Animation sind
ein unglaublich umständliches Verfahren. Die Puppen
werden jeweils ein winziges Stück weiterbewegt
– manchmal nur um einen halben Millimeter. Jede
Position wird als ein Einzelbild aufgenommen, dann bewegen
die Animatoren die Puppen ein winziges Stück weiter,
und der Ablauf wird wiederholt, nochmals wiederholt
und ewig wiederholt. Oft ist das Team zwölf Stunden
im Einsatz, um insgesamt eine oder zwei Sekunden des
fertigen Films in den Kasten zu bekommen.
Beim Realfilm müssen die Filmemacher den unpraktischen
Umstand akzeptieren, dass die Schauspieler immer nur
an einem Ort zur Zeit auftreten können. Beim Puppentrick
können sie ihre Puppenhelden und Sets beliebig
oft kopieren, um Zeit zu sparen. Regisseur Mike Johnson
fiel die große Verantwortung zu, die gleichbleibende
Qualität der Animation in allen Einstellungen zu
gewährleisten.
„Eine meiner schwierigsten Aufgaben bestand darin,
die Mitarbeiter so anzuleiten, dass stilistisch alles
zusammenpasst“, erinnert er sich. „Auch
der Drehplan erwies sich als sehr problematisch. Es
war unmöglich, eine Figur nur von einem Animator
betreuen zu lassen – was eigentlich ideal wäre.
Aber die Figuren treten in derart vielen Einstellungen
auf, dass schließlich jeder Animator irgendwann
mit allen Figuren zu tun hatte. Also war präzise
Teamarbeit angesagt, damit der Look und die Darstellungen
aus einem Guss sind.“
Zum Glück wurde unter den hoch motivierten „Corpse
Bride“-Mitarbeitern auch die Teamarbeit groß
geschrieben. „Die Arbeit kann sehr ermüdend
sein“, gibt Johnson zu. „Aber ich bin überzeugt,
dass unsere Animatoren und das Kamerateam mitarbeiten,
weil es ihnen Spaß macht. Bei einer solchen Arbeit
geht es nicht ohne Leidenschaft – man muss voll
und ganz bei der Sache sein.“
„Corpse Bride“ nahm zunächst in Burtons
Skizzen Gestalt an – so entstanden aus seiner
Fantasie die Figuren der Leichenbraut mit dem gebrochenen
Herzen und ihrem Gatten wider Willen. Dann nahm sich
Figur-Designer Carlos Grangel die rohen Skizzen vor
und gestaltete Burtons Ideen aus. „Carlos hat
meine einfachen Zeichnungen als Vorlagen benutzt“,
sagt der Regisseur. „Meine Skizzen sind häufig
sehr simpel, aber mit großem Einfühlungsvermögen
begreift er, welche Emotionen, welcher Look damit transportiert
werden soll – durch ihn kommt das Fleisch auf
die Knochen, sozusagen.“
Als das Drehbuch abgeschlossen war, übernahmen
die Storyboard-Zeichner die weitere Arbeit: Sie entwarfen
jede einzelne Einstellung des gesamten Films, legten
Kamerapositionen fest und verliehen den Figuren ihre
Mimik, ihre Gefühlsäußerungen.
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