Deutscher Kinostart: 25. Oktober 2007
Jesse James [BRAD PITT] war einer der ersten amerikanischen Medienstars.
Es wurden zahllose faszinierende Bücher und fabelhafte Geschichten über Amerikas
wohl berühmtesten Banditen geschrieben, die ihn größer machen als er zu Lebzeiten je war,
doch die meisten von ihnen nehmen es mit der Wahrheit nicht ganz so genau.
Für die Ausgeraubten und Terrorisierten und für die Familienangehörigen derjenigen, die
Jesse James tötete, war er vermutlich nur ein gewöhnlicher Krimineller. Hingegen wurde Jesse
und der James-Gang in den 1870er-Jahren von der Sensationspresse und in vielen
Groschenromanen größte Ehrfurcht und Bewunderung entgegengebracht.
Er wurde als eine Art
Robin Hood gefeiert, der gezielt jene Banken und Eisenbahngesellschaften aufs Korn nahm, die
den armen Farmern das Leben schwer machten. Er war ein tragischer Held: Als
Südstaatensoldat ging er durch die Hölle und wurde verwundet – er war davon überzeugt, die
Union der Nordstaaten hätte sein Leben ruiniert.
Immer mehr Amerikaner zogen in die Städte, führten ein konventionelles, konservatives
Leben. Gerade sie erlebten ihn als letzten freien Westernpionier – als Symbol für den
amerikanischen Geist, als charismatischen Rebell, der das Gesetz ganz offen verhöhnte und
nach seinen eigenen Regeln lebte.
Er verkörperte alles, was eine Legende ausmacht.
Robert Ford [CASEY AFFLECK] bewunderte Jesse James über alles – er war ein
idealistischer und ehrgeiziger Junge, der sich nichts mehr wünschte, als eines Tages mit seinem
Idol reiten zu dürfen. Er konnte nicht ahnen, dass er einst als der dreckige kleine Feigling in die
Geschichtsbücher eingehen würde, der Jesse in den Rücken schoss.
Aber wer war Jesse James wirklich – abseits der Halbwahrheiten und auflagensteigernden
Schlagzeilen? Und wer war der damals 19-jährige Robert Ford, der zum inneren Kreis um Jesse
gehörte? Wie brachte Ford eine derart monumentale Persönlichkeit zu Fall, was die Sheriffs in
zehn Staaten vergeblich versucht hatten? Wie wurden sie Freunde? Und was spielte sich in den
Tagen und Stunden vor jenem Schuss ab, der Jesses James’ Leben auslöschte und damit auch
zum Wendepunkt in Robert Fords Leben wurde?
Niemand wird je die ganze Wahrheit erfahren.
„Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ beruft sich auf Ron
Hansens Roman über den berüchtigtsten Gesetzlosen und seinen Attentäter, um die Legende aus
einem neuen Blickwinkel darzustellen: Was geschah tatsächlich in den Monaten vor dem
berüchtigten Schuss?
Im Jahr 1881 ist Jesse 34 Jahre alt. Er bereitet seinen nächsten großen Überfall vor und
führt einen Privatkrieg gegen seine zahlreichen Gegner. Sie alle wollen das auf ihn ausgesetzte
Kopfgeld und den Ruhm, Jesse James zur Strecke zu bringen. Doch die größte Gefahr droht ihm
von den Menschen, denen er uneingeschränkt vertraut.
„Jesse James war überlebensgroß. Wir suchten seine Nähe, wollten ihn begleiten,
wollten wie er sein… aber wir haben ihn nie ganz verstanden.“ Robert Ford
Als Autor/Regisseur Andrew Dominik Ron Hansens Roman „The Assassination of Jesse
James by the Coward Robert Ford“ (Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert
Ford) las, faszinierten ihn dieselben Fragen, die auch Hansen zu jahrelangen Recherchen
angetrieben hatten: Hansen untersuchte die bisher nicht erforschten Aspekte in Jesse James’ Leben und gewann Einsichten über den Menschen jenseits des öffentlichen Images.„Ich wusste genauso wenig über Jesse James und Robert Ford wie jeder normale Mensch,
ließ mich aber von den lebendigen Figuren und realistischen Gefühlen der Story anregen“, sagt
Regisseur Dominik. „Was sind das für Leute? Was empfinden sie? Wie gehen sie miteinander
um? Dass es sich dabei um zwei legendäre Figuren der amerikanischen Geschichte handelt,
macht das Ganze noch dramatischer, ist aber letztlich zweitrangig. Robert Ford wird hier ganz
anders dargestellt, als ich ihn bisher kannte.
Man kann sich wirklich in seine Situation
hineinversetzen, als er Jesse in dessen eigenem Haus erschoss – Jesses Frau und Kinder waren
nebenan. Er blieb noch tagelang in der Nähe, sein Bruder war völlig mit den Nerven fertig. Ford
versuchte, irgendwie mit der ungeheuren öffentlichen Reaktion umzugehen. Wir erleben seine
Nervosität, seine Not, seinen Ehrgeiz und denken: ,So hat sich das ganz bestimmt zugetragen.‘ Das hat mich an diesem Buch so berührt, und das wollte ich auf die Leinwand bringen.“ Brad Pitt spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern produziert den Film auch. Er fand das
Thema genauso unwiderstehlich: „Wir sezieren die Mythen: Jesse James als Held und Robert
Ford als Feigling.“„Der Film zeigt das intime Porträt dieser beiden Männer und ihrer Welt: Der legendäre
Outlaw erscheint als verletzlicher Mensch“, sagt Produzentin Jules Daly. „Kaum jemand kennt
Robert Fords wahre Geschichte. Er wollte all das erreichen, was ihm versagt war, von dem er
schwärmte.“
Die Beziehung von Jesse James und Robert Ford im Film gründet sich zwar auf
umfassende Recherchen zu den Hauptfiguren, ihrer Geschichte und ihrer Epoche, aber dennoch
muss sie Spekulation bleiben – sie soll also das Geschehen nicht aus einem bestimmten
Blickwinkel darstellen, sondern eher die Fantasie der Zuschauer anregen.
Dazu Produzent Ridley Scott: „Was in Robert Ford vorging, kann man sich nur ausmalen– das gilt auch für Jesse James’ Dilemma am Ende seines Lebens: Worüber dachte er nach?
Was hat er möglicherweise bereut? Der Film wirft Fragen auf, die jeder Zuschauer am besten
für sich selbst beantwortet. Andrew zählt nur die Möglichkeiten auf.“ Produzentin Dede Gardner fügt hinzu: „In der Darstellung menschlichen Verhaltens– Bewunderung, Ego und Abneigung – ist die Geschichte absolut authentisch. Was zwischen
diesen beiden Männern vorgefallen ist, kann man ähnlich auch in zahllosen anderen
Geschichten wiederfinden. In der Beziehung von Jesse James und Robert Ford geht es um die
Konsequenzen erfüllter Wünsche. Wie stellt sich die Bewunderung des einen für den anderen
im Kontext beider Lebensläufe und Bedürfnisse dar? Reine Heldenverehrung an sich gibt es
nicht. Da spielen viele Einflüsse mit, die schon lange vor der Begegnung der Betreffenden
einsetzen.“
„Der Film ist weniger ein Western als ein Psychodrama“, sagt Pitt. „Es geht um die
Analyse eines Mordes und seiner Konsequenzen.“ Diese ganz auf die Figuren konzentrierte
Perspektive unterscheidet „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ deutlich von vielen anderen dramatischen Darstellungen des berüchtigten Outlaws und seines
kaum bekannten Mörders. Obwohl die Handlung mit einem nächtlichen Hinterhalt und
Eisenbahnüberfall einsetzt, wie er für die James-Gang in ihrer besten Zeit typisch war, ergeben
sich die wahren Konflikte erst im Nachspiel des Überfalls – Jesses persönliche
Wahnvorstellungen, die Besessenheit, mit der er seine Spuren verwischt, und seine immer
weniger nachvollziehbaren Auseinandersetzungen mit den nervösen Mitgliedern seiner Bande,
die tatenlos herumsitzen müssen, bis er den Befehl für die nächste Unternehmung gibt.
Nach dem Überfall trennt sich Jesse von seinem Bruder Frank, der die Zeit für gekommen
hält, die Outlaw-Existenz aufzugeben und anderswo ein weniger aufregendes Leben zu führen.
Inzwischen ist das Kopfgeld für Jesse so erhöht worden, dass es alle Summen übertrifft, die
seine Kumpane bei ihren Überfällen jemals erbeuten könnten. Was hält sie also davon ab, sich
gegen ihn zu wenden, ihm eine Kugel in den Kopf zu schießen und so die saftige Belohnung
und sicheres Geleit zu erkaufen? Loyalität? Angst vielleicht. Wahrscheinlich beides.„Was mir besonders gefällt: Die größten Probleme haben unsere Helden mit sich selbst.
Die Konflikte untereinander sind längst nicht so heftig“, stellt Dominik fest. „Sie alle
interpretieren die Realität, wie es ihren Wünschen und Ängsten entspricht – richtige
Aussprachen gibt es nicht.“
Jesse James wurde in einer Zeit berühmt, als das Konzept eines öffentlichen Images in
den Medien gerade entwickelt wurde. Die Zeitungs- und Groschenheft-Verleger bedienten das
Interesse der Leser an spannender Unterhaltung – und Jesse James war für sie gemacht. Die
Berichte über seine Verbrechen wurden oft ausgeschmückt, und wenn das nicht reichte,
vollständig erfunden – immer stellte man seine Tollkühnheit, sein Charisma in den Mittelpunkt.
Mit diesem Lesestoff wuchs Robert Ford auf, so wurde er zu seinen grandiosen Träumen
inspiriert.
„Das war die buchstäbliche Definition von Ruhm und Prominenz“, sagt Scott. „Aber
damals war die Begeisterung noch von einer gewissen Schlichtheit geprägt – auch in Bezug auf
Jesse James und seine berüchtigten Raubüberfälle. So entwickelte sich sein Image als
romantischer Held und Rebell – der kriminelle Killer war kein Thema.“ Dazu Autor Ron Hansen: „In mancher Hinsicht stand er für den amerikanischen
Individualismus – er tat Dinge, die sich andere ebenfalls vorstellen konnten, aber in ihrer
Bürgerlichkeit nie gewagt hätten. Sie wollten also gern den vorwurfsvollen Zeigefinger gegen
ihn erheben, freuten sich aber gleichzeitig darüber, dass er ihre Träume auslebte. Großenteils
wurde Jesse James’ Image durch John Newman Edwards geprägt, der in Kansas City eine
Zeitung herausgab. Wenn Jesse ein Verbrechen beging, bog Edwards es so zurecht, dass der
Outlaw wie ein schneidiger Schelm oder wie ein Rächer wirkte, der gegen jene Interessen
kämpfte, die Missouri angeblich in die Armut stürzten. Dabei war es vor allem Jesse James, der
für die Ausbreitung der Armut verantwortlich war. Logischerweise stieg der reale Kriminelle
zum vergötterten Action-Helden auf.“
Im Gegensatz dazu wurde Fords Rolle von der Geschichtschronik und den Medien
heruntergespielt – seine Existenz reduziert sich auf die eine Funktion, die wie ein Echo auf die
emotionale Inschrift auf Jesses Grabstein wirkt: „In liebevollem Gedenken an meinen geliebten
Sohn, ermordet von einem Verräter und Feigling, dessen Name es nicht wert ist, hier erwähnt zu
werden.“
Ironischerweise war es eigentlich gar nicht nötig, Jesse James’ tatsächliche Persönlichkeit
auszuschmücken, um sie faszinierender zu machen: seine unvorhersehbaren Launen, seine
Motive, seine komplizierte Beziehung zu den wenigen Menschen, denen er traute. Und auch
Robert Ford bietet reichlich Anlass für eine lohnende Analyse – genau wie die Beziehung der
beiden Männer, die sich zunächst vielversprechend entwickelte, um sich dann deutlich zu
verschlechtern.
„Als ich mich damit näher beschäftigte, merkte ich, dass die genauen Umstände von
Fords Mord an Jesse James bisher noch nie erzählt worden sind – dabei handelt es sich um eine
sehr komplexe Geschichte“, sagt Hansen.
Nachdem Robert von Charley Ford in die James-Gang eingeführt worden war, bewährte
er sich als Bandenmitglied beim Blue-Cut-Bahnüberfall. Daraufhin durfte Robert bei Jesses
Umzug an einen neuen Standort helfen – was Jesse nach einem wichtigen Überfall regelmäßig
tat. Als Ford seine Pflicht erfüllt hatte, war er längere Zeit Gast im James-Haus und genoss
offensichtlich die Gegenwart seines Idols – wahrscheinlich begann er auch zu begreifen, was für
ein Mensch Jesse wirklich war.
Ganz offensichtlich sah auch Jesse in seinem jungen Bewunderer ein Potenzial, das ihn
zu seinem Gefährten prädestinierte. „Vielleicht brachte Ford jene Überlegungen in Gang, die
Jesse bereits im Hinterkopf hatte“, meint Scott. „Gleichzeitig muss Jesse die Heldenverehrung
in Fords Ergebenheit genauso gespürt haben wie die Ironie und die Übertreibungen, die immer
Teil solcher Schwärmereien sind.“„Vielleicht wurde Jesse durch Ford an bessere Zeiten erinnert – oder auch an seinen
eigenen Ehrgeiz in diesem Alter“, fügt Gardner hinzu.
Dass Jesse Robert Ford in sein Haus einlud, war mit einem gewissen Risiko verbunden.
Dass er es dennoch tat, liegt laut Hansen in Jesses Charakter begründet. „Der Mann raubte
Banken und Züge aus – er genoss die Lebensgefahr, sie regte ihn an. Ebenso verhielt er sich im
Fall Robert Ford: als ob er an den Rand eines Abgrunds treten und bewusst hinunterschauen
würde.“
„Möglicherweise hat er Ford verspottet“, meint Pitt. „Jedenfalls ist es sehr merkwürdig,
dass er seinen Waffengurt abnahm und ihm den Rücken zukehrte. Dieser Umstand hat seitdem
zu vielen Spekulationen geführt, bleibt aber ungeklärt. Trotz seiner vielen Recherchen gibt
sogar Ron Hansen zu, dass nicht alle Fragen beantwortet werden können.“ Was wollte Ford von dem Mann, den er seine ganze Jugend hindurch bewundert hatte?
Der Regisseur meint: „Robert reagiert offenbar sehr leicht gekränkt. Er hat sich vielleicht
vorgestellt, dass er in Jesse James’ innerem Kreis eine Art Schutzpanzer bekommen würde. Wir
haben alle schon mal über solche Fälle gelesen: Eine Person wünscht sich eine besondere
Beziehung zu jemandem, muss dann feststellen, dass das nicht funktioniert oder nicht ausreicht.
Die Bewunderung schlägt in Wut um. Wahrscheinlich ist Ford zwischen diesen beiden
Gefühlen hin- und hergerissen.“
„Fords Wandel vom Heldenverehrer zum Mörder ist nicht so drastisch, wie sich das
anhört, und genau darum geht es im Film“, stellt Gardner fest. „Bob denkt nie darüber nach, wie
sehr sein Ego den Wunsch beeinflusst, Jesses Freund zu werden. Doch dann begreift er, dass in
dieser Freundschaft Jesse eindeutig dominiert und Bob zu wenig vorkommt. In einem bockigen
Moment begeistert sich Bob für die Idee, den berühmten Outlaw selbst zur Strecke zu bringen.
Als das konkreter wird, muss er sich an dieser Idee festklammern. Jedenfalls nimmt das so
ungeheure Ausmaße an, wie er sie sich nie hätte vorstellen können.“
Bei abschließender Analyse trugen unzählige Faktoren zu Robert Fords Entschluss bei,
Jesse James zu erschießen – nicht zuletzt der sehr praktische Gedanke der Selbstverteidigung
und das Kopfgeld. Laut Daly waren weitere Faktoren wohl auch „Angst, Schicksal, Neid,
Enttäuschung und der unwiderstehliche Drang, etwas ,Großes‘ zu vollbringen, etwas
darzustellen. Man könnte das Band zwischen den beiden als schicksalhaft bezeichnen. Als ob
Jesse sich Robert Ford ausgesucht hätte – genau wie Ford sich ihn aussuchte.“ Aber selbst als er den tödlichen Schuss abgibt und auch noch lange Zeit danach blieb
Fords Haltung laut Daly „die des Heldenverehrers – er hört nie auf, Jesse zu bewundern“.„Letztlich läuft es darauf hinaus, dass mehr Tränen vergossen werden, wenn solche
Wünsche in Erfüllung gehen“, meint Dominik. „Robert Ford bekommt das, was er sich
erträumt, kann selbst einen gewissen Ruhm verbuchen, wird ein berüchtigter Outlaw, muss aber
erkennen, dass er sich das anders vorgestellt hat… ganz ähnlich wie Jesse James selbst: Auch
der hat sich sein Leben wohl etwas anders vorgestellt.“ |