Deutscher Kinostart: 27. September 2007
Erica Bain (Jodie Foster) liebt die Straßen von New York – und sie lebt von ihnen: Als Moderatorin der Radiosendung „Street Walk“ teilt sie mit ihren Hörern die Storys und den Rhythmus der Stadt. Schlagartig wirft sie ein traumatisches Erlebnis aus der Bahn: Erica und ihr Verlobter David Kirmani (Naveen Andrews) werden brutal überfallen – David stirbt, Erica kommt nur knapp mit dem Leben davon. Körperlich wird Erica zwar wieder gesund, aber die Wunde tief in ihrem Inneren will nicht heilen: Der traumatische Verlust Davids und die ständige Angst, die sie seitdem verfolgt. Die Straßen der Stadt, die sie einst so liebte, erscheinen ihr nun bedrohlich und fremd. Als sie die lähmende Angst nicht mehr erträgt, fasst sie einen Entschluss: Eine Schusswaffe gibt ihr das Gefühl von Sicherheit zurück. Hofft sie zumindest.
Als sie die Waffe erstmals abfeuert, bleibt ihr keine Wahl: Sie muss sich verteidigen. Auch beim zweiten Mal handelt sie in Notwehr… oder hat sie unbewusst darauf verzichtet, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen? Ihre panische Angst weicht einem neuen Gefühl: Sie erobert sich ihr Leben zurück. Wie ihr das gelingt, hätte Erica sich selbst nie zugetraut. Schlagzeilen über einen anonymen Rächer halten die Stadt in Atem. NYPD Detective Sean Mercer (Terrence Howard) soll ihn dingfest machen. Die Indizien führen nicht zu einem gewissenlosen Killer… sondern zu einer angsterfüllten und traumatisierten Frau. Während Mercer sich an Ericas Fersen heftet, beginnt auch sie zu zweifeln: Ist ihr Rachefeldzug der richtige Weg? Oder wird sie selbst zu dem, was sie zu bekämpfen versucht?
„Wahrscheinlich sind wir alle davon überzeugt, dass wir bestimmte Grenzen nie überschreiten, bestimmte Dinge nie tun würden“, sagt Jodie Foster, Hauptdarstellerin und Executive Producer von „The Brave One“ (Die Fremde in dir). „Aber wir wissen trotzdem nicht genau, wie wir uns unter gewissen Umständen verhalten würden. Intellektuell kann man zwar den ethischen Rahmen unserer Handlungen abwägen, aber bis ich selbst einmal in eine ausweglose Situation gerate, in der ich mich verändere, weiß ich einfach nicht, wozu ich fähig bin.“
Regisseur Neil Jordan sieht das ähnlich: „,Die Fremde in dir‘ wirft einige unangenehme moralische Fragen auf: Wenn uns Unrecht angetan wird, würden wir einerseits liebend gern mit primitiver Brutalität zurückschlagen, um den gerechten Ausgleich sofort herzustellen. Andererseits lassen wir das nicht zu, weil die Zivilisation das von uns verlangt. Wenn wir also 4 miterleben, wie jemand in moralische Untiefen gerät, wirkt das ebenso entsetzlich wie faszinierend.“
Als das Drehbuch zu „Die Fremde in dir“ auf den Schreibtischen der Produzenten Joel Silver und Susan Downey landete, hatte es all die Zutaten eines Selbstjustiz-Action-Thrillers – mit einem bedeutenden Unterschied: Der Rächer ist eine Frau. „Wir lasen das Skript, und uns gefiel die harte Action, denn die Story geht darüber hinaus“, stellt Silver fest. „Spannung ist reichlich vorhanden, aber die sehr düstere, emotionale Story handelt eben von einer Frau, die eine schreckliche Tragödie erlebt: Erica Bain wird überfallen und zusammengeschlagen, ihr Verlobter ermordet. Körperlich erholt sie sich zwar, doch ihr Leben verändert sich total. Sie muss zu sich selbst finden, um einen neuen Weg einzuschlagen, und das gelingt ihr. Wie sie das tut, fanden wir sehr außergewöhnlich. Um mit dem Trauma fertig zu werden, muss sie den Mut aufbringen, ihre Ängste zu überwinden und sich ihr Leben zurückzuerobern – koste es, was es wolle. Dadurch wird sie zur ,tapferen‘ Frau, auf die sich der Originaltitel bezieht.“
Dazu Downey: „Das Original-Drehbuch zu ,Die Fremde in dir‘ stammt von einem Autoren-Duo, Vater Roderick und Sohn Bruce Taylor. Alle Elemente eines Genrefilms sind vorhanden, aber im Mittelpunkt steht eine Frau, wodurch sich das Konzept einer Selbstjustiz- Story verlagert. Im Laufe der Skript-Entwicklung holten wir Cynthia Mort hinzu, die den weiblichen Aspekt ins Autorenteam einbringt. Weil es vor allem um Ericas Entwicklung geht, müssen wir die Situation unbedingt aus der Sicht einer Frau begreifen: Wie würde sie vorgehen? Welche Konsequenzen hat das?“
„Sobald eine Frau eine solche Rolle übernimmt, stellen sich die Fragen anders, weil sie unvorhersehbar handelt“, stellt Foster fest. „Generell kann man sagen, dass Frauen niemanden umbringen, den sie nicht kennen: Sie morden nicht blindlings. Deswegen finde ich den Weg, den Erica einschlägt, umso interessanter. Es war spannend, mich in ihr aufgewühltes Innenleben, ihre Verwirrung hineinzuversetzen. Sie weiß genau, was sie tut und warum. Gleichzeitig staunt sie, was sie alles zustande bringt. Aber sie begreift durchaus, dass sie aufgrund ihrer Ängste nicht mehr wiederzuerkennen ist – das bringt sie dazu, in die Rolle eines Killers zu schlüpfen.“
Foster weiter: „Wie sie der Gefahr begegnet, verändert sich im Lauf des Films: Beim ersten Mal wird sie aus dem Alltag gerissen – sie erlebt grausige Brutalität. Auch das zweite Mal handelt es sich um einen Zufall – sie befindet sich zur falschen Zeit am falschen Ort. Doch beim nächsten Mal begreift sie, dass sie sich hätte in Sicherheit bringen können, aber darauf verzichtet hat. Vielleicht versteht sie ihre Beweggründe gar nicht bewusst, aber ich habe das Gefühl, dass sie das Durchleben ihrer schlimmsten Ängste in dieser neuen Situation völlig anders wahrnimmt. Sie kann die Situation selbst in die Hand nehmen, und wenn ihr das gelingt, dann kann sie auch die Toten zurückholen – so verrückt das auch klingen mag.“
Nachdem Foster die Rolle der Erica Bain übernommen hatte, veränderte man einige Details der Figur im Originalskript, das sie als Zeitungsreporterin vorstellte. Dazu Downey: 5 „Jodie kam an Bord und schlug vor, sie zu einer Radiomoderatorin zu machen, denn das passt gut zum Konzept einer Off-Erzählerin, die Ericas Gefühle und Motivation beschreibt. Generell zögerten wir, eine Erzählstimme einzusetzen, aber durch Ericas Beruf wirkt das ganz organisch und passt gut zur Figur.“
„Für mich wirkt das plausibel, und dem Film hilft es sehr“, bestätigt Foster. „Erica lebt praktisch in ihrem Kopf. Alles drückt sie durch ihre Stimme aus, es fällt ihr also leicht, ihr Körpergefühl völlig auszuklammern. Man kann sogar sagen, dass ihre Körperlichkeit durch ihren Verlobten repräsentiert wurde – als er stirbt, wirkt das so, als ob ihr der Körper abhanden kommt. Sie mutiert zur Stimme der Nacht, fast wie ein Gespenst. Und die innere Stimme, die wir hören, lässt uns in ihre Seele schauen.“
Dazu sagt Neil Jordan: „Jodie und ich waren uns einig, dass Erica von Geräuschen besessen ist. Sie fährt durch die Stadt und schneidet U-Bahngeräusche, den Straßenverkehr und das Summen der Maschinen mit – das ist ihre Art, die Geschichten der Stadt zu erzählen. Diese Besessenheit verwandelt sich später in eine andere, viel brutalere Besessenheit: die Straßen zu beherrschen.“ |