Pater
Lankester Merrin glaubt, dass er das Gesicht des Bösen
gesehen hat. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg
wird Merrin (STELLAN SKARSGÅRD) immer wieder von
schrecklichen Erinnerungen gequält: Er kann die
unaussprechlichen Grausamkeiten nicht vergessen, die
seine unschuldigen Gemeindemitglieder erleiden mussten.
Angesichts dieser Erlebnisse hat er seinen Glauben an
die Menschen und auch an den Allmächtigen verloren.
Wenn er ehrlich ist, kann er sich nicht mehr als Mann
Gottes bezeichnen.
Merrin
hat seine Heimat Holland fluchtartig verlassen –
er will dem Grauen entkommen, das er dort erlebt hat.
Als er ziellos durch Kairo streift, schlägt ihm
ein Antiquitätensammler vor, an den Ausgrabungen
britischer Archäologen in der unzugänglichen
Turkana-Region Kenias teilzunehmen. Die Forscher haben
dort eine christlich-byzantinische Kirche entdeckt:
Sie sieht aus, als sei sie nie benutzt und stattdessen
am Tag ihrer Fertigstellung von einem Erdhügel
bedeckt worden. Merrin hat in Oxford Archäologie
studiert – deswegen möchte der Sammler, dass
der Pater in der Kirche eine dort versteckte altertümliche
Reliquie aufspürt, bevor die Briten sie finden.
Doch
unter der Kirche ruht etwas noch viel Archaischeres.
Es wartet nur auf seine Erweckung. Die Dorfbewohner
werden vom Wahnsinn befallen, britische Soldaten rücken
an, um den Ausgrabungsort zu bewachen. Hilflos muss
Merrin zusehen, wie sich die Kriegsgräuel in dem
schuldlosen Dorf wiederholen – dabei hatte er
inständig gebetet, derartige Gräuel nie wieder
erleben zu müssen. Das Blut der Unschuldigen tränkt
die ostafrikanische Erde. Doch das Grauen hat damit
erst begonnen.
Am
Geburtsort des Bösen wird Merrin ihm endlich ins
Gesicht sehen.
ÜBER
DIE PRODUKTION
„The
Exorcist“ (Der Exorzist) ist einer der grausigsten
Filme aller Zeiten – seit seiner Uraufführung
hat er zahllose Albträume ausgelöst. Der von
William Peter Blatty geschriebene und von William Friedkin
inszenierte Film berichtet anschaulich vom makabren
Schicksal der zwölfjährigen Regan, die von
einem Dämon besessen ist. Nur ein entschiedener
Exorzismus kann sie aus den Klauen des Dämons befreien,
und dieses Ritual führt Pater Lankester Merrin
durch – fast kommen beide dabei um. „Exorcist:
The Beginning“ (Exorzist: Der Anfang) berichtet
über das, was Pater Merrin 25 Jahre zuvor erlebt
hat: jene schrecklichen Ereignisse, durch die er erstmals
vom Glauben an Gott abfiel und die ihm schließlich
den Weg zum Exorzismus wiesen.
Regisseur
Renny Harlin ist für seinen dynamischen Inszenierungsstil
bekannt, der Action-Hits wie „Die Hard 2“
(Stirb langsam 2), „Cliffhanger“ (Cliffhanger
– Nur die Starken überleben) und „The
Deep Blue Sea“ (Deep Blue Sea) geprägt hat.
Nun fügt er der „Exorzist“-Legende
ein neues Kapitel hinzu. „Das Horrorgenre hat
mich immer schon begeistert“, sagt Harlin. „Bekannt
wurde ich mit meinen Action-Filmen, aber mit Horror
habe ich einst angefangen – ich habe dieses Genre
immer gemocht und bewundert. Natürlich ist der
Original-,Exorzist‘ einer der berühmtesten
Horrorfilme überhaupt, er gehört zu meinen
Lieblingsfilmen. Als sich die Gelegenheit bot, konnte
ich natürlich nicht nein sagen.“
Gleich
zu Beginn der Dreharbeiten in Rom wurde der Regisseur
von einem Auto angefahren und schwer verletzt. „Ich
zog mir einen komplizierten Beinbruch zu“, berichtet
er. „Während des gesamten Drehs humpelte
ich also im Gips auf Krücken herum – eine
erhebliche Belastung, die mich sehr frustriert hat.
Aber wahrscheinlich profitierte der Film davon, denn
durch meine mangelnde Mobilität plante ich sehr
genau, was ich machen wollte. Ich habe mir für
das Prequel etliche der Fragen vorgenommen, die im Original
nicht geklärt werden. Es gab dort mehrere Erzählstränge,
über die man nichts Näheres erfährt.
Zum Beispiel wird erwähnt, dass Merrin vor Jahren
in Afrika einen Exorzismus durchgeführt hat. Ich
wollte meinen Film so gestalten, dass man ihn sich als
ersten der Filme anschauen kann, und wenn man dann anschließend
,Der Exorzist‘ sieht, wirkt er wie die natürliche
Fortsetzung. Ich wollte mich intensiv in den Verstand
und die Herzen der Zuschauer versetzen und ihnen ein
Erlebnis vermitteln, dass ihnen Angst macht, sie überrascht,
aber auch befriedigt.“
Am
Anfang des Films erleben wir einen gebrochenen, verzweifelten
Pater Merrin, der in seiner Heimat Holland im Zweiten
Weltkrieg Unerträgliches erlebt hat. Vergeblich
versucht er dem Grauen seiner Vergangenheit auf Reisen
in aller Herren Länder zu entfliehen. „Wir
entschlossen uns, die Geschichte des jungen Pater Merrin
zu erzählen“, sagt Harlin. „Wir wollten
erfahren, wie er dem Dämon erstmals begegnete.
Im Zentrum der Story steht Merrins Bemühen, zum
Glauben zurückzufinden. Wir erfahren, dass ihm
etwas absolut Grauenhaftes widerfahren ist – deswegen
hat er seinen Priesterrock an den Nagel gehängt.
Er glaubt jetzt an gar nichts mehr, auch nicht an sich
selbst.“
Stellan
Skarsgård spielt den desillusionierten Priester,
und Harlin hatte den Eindruck, die Rolle sei dem Schauspieler
wie auf den Leib geschrieben. „Im Original von
1973 spielte Max von Sydow den Pater Merrin“,
sagt der Regisseur. „Daraus ergibt sich für
mich eine ganz natürliche Verbindung. Sie sehen
sich ähnlich, beide stammen aus Schweden und sind
fantastische Schauspieler, die es nicht nur in ihrer
Heimat, sondern international zu Ruhm gebracht haben.
Stellan stellt seine Rolle absolut realistisch dar.“
Skarsgård
fühlte sich durch die berühmte Darstellung
seines Vorgängers durchaus nicht eingeschüchtert
oder eingeschränkt. „Ich zeige meine eigene
Version der Figur“, sagt er über seinen Ansatz.
„In ,Der Exorzist‘ spielte Max den Pater
Merrin als alten Mann, der nicht mehr lange zu leben
hat. Wir erfahren nicht genau, wie er als junger Mann
war. Ich bin also völlig frei, die Rolle ganz persönlich
anzugehen.“
Als
Merrin durch Kairo streift, erteilt ihm ein Fremder
einen ungewöhnlichen Auftrag. Die britische Regierung
finanziert archäologische Ausgrabungen in einer
unzugänglichen Region in Kenia, wo die Forscher
eine erstaunliche Entdeckung gemacht haben – eine
vollständig erhaltene byzantinische Kirche, die
offenbar gleich nach Fertigstellung vergraben wurde.
Merrins geheimnisvoller Auftraggeber verlangt nun, dass
Merrin auf der Grabungsstätte heimlich ein religiöses
Artefakt sucht, eine kleine Skulptur, die der Fremde
an den britischen Wissenschaftlern vorbei schleusen
und seiner eigenen Sammlung einverleiben will. Merrins
Neugier ist geweckt – er nimmt den Auftrag an.
„Sie
finden eine Kirche, wo es keine Kirche geben sollte“,
erklärt Skarsgård. „Denn sie wurde
im fünften Jahrhundert gebaut – und damals
gab es noch keine Christen in dieser Region. Als die
Grabungen beginnen, geschehen unheimliche Dinge, und
daraufhin wollen die Turkana-Dorfbewohner, die man als
Arbeiter engagiert hat, die Grabungsstätte nicht
mehr betreten.“
Gar
nicht erfreut ist Merrin, als er Gesellschaft bekommt:
Der junge, enthusiastische Pater Francis ist gerade
in Afrika eingetroffen, um die Missionsarbeit zu übernehmen.
„Pater Francis hat im Vatikan studiert“,
sagt James D’Arcy, der den überzeugten Priester
darstellt. „Als die Kirche entdeckt wird, bekommt
er neue Anweisungen aus dem Vatikan: Er soll sicherstellen,
dass die Ausgrabungen im religiösen Sinn respektvoll
und angemessen durchgeführt werden. Und als er
erfährt, dass Pater Merrin zum Grabungsteam stößt,
nimmt er an, dass sie beide das Gleiche wollen.“
Doch
als die Priester sich kennen lernen, muss Francis feststellen,
dass er seine Aufgabe ganz allein bewältigen muss.
„Pater Merrin macht eine äußerst schwierige
Lebensphase durch“, sagt D’Arcy. „Er
hat sich von Gott abgewandt. Und im Lauf der Handlung
versucht Francis Merrin immer wieder zum Glauben zurückzuführen,
denn die Vorfälle werden immer seltsamer und bedrohlicher.
Francis muss ihm helfen, er muss ihn überzeugen,
dass seine Abkehr von Gott falsch war.“
„Zwischen
Pater Merrin und Pater Francis entwickelt sich eine
interessante Spannung“, stellt Harlin fest. „Beide
arbeiten sie am Ende der Welt an einer Ausgrabung, aber
bald wird klar, dass Pater Francis vielleicht sehr viel
mehr weiß, als er zugibt. Vielleicht gibt es etliche
Geheimnisse, die Pater Merrin erst lüften muss.
Glücklicherweise konnten wir James für diese
Rolle gewinnen, denn er ist ein sehr überzeugender
junger Schauspieler, der in der Rolle des jungen, idealistischen
Missionars eine wunderbare Leistung zeigt. Wir spüren
nämlich, dass in seinem Kopf vielleicht noch etwas
ganz anderes vor sich geht.“
Bald
darauf merkt Merrin, dass sein Verdacht in dieser bedrohlichen
Situation von jemandem geteilt wird: Dr. Sarah Novack
ist in diese entlegene Region gekommen, um den Einwohnern
zu helfen. Aber sie muss zunächst das Vertrauen
der Turkana-Stämme gewinnen, denn die Dorfbewohner
misstrauen allen Fremden, und ihre Ablehnung verstärkt
sich, seit ihr Land von finsteren Mächten heimgesucht
wird.
Die
Rolle der Sarah übernimmt Izabella Scorupco, die
unter anderem in „Reign of Fire“ (Die Herrschaft
des Feuers), „Vertical Limit“ (Vertical
Limit) und „GoldenEye“ (James Bond 007 –
GoldenEye) zu sehen war. „Sarah entscheidet sich
für dieses kleine Dorf in Afrika, weil die Menschen
dort ihre Hilfe brauchen“, sagt die Schauspielerin.
„In ihrem eigenen Leben hat sie schon eine Menge
durchgemacht. Jetzt möchte sie Gutes tun, sie will
die Ungerechtigkeit der Welt ausgleichen. Mit ihrem
starken Charakter lässt sie sich nicht so leicht
unterkriegen.“
Scorupco
erinnert sich noch sehr genau daran, als sie den Original-Film
zum ersten Mal sah. „,Der Exorzist‘ ist
auf jeden Fall der gruseligste Film, den ich je im Leben
gesehen habe“, sagt sie. „Ich war zwölf
und konnte wochenlang nicht schlafen. In dem Alter schaut
man sich solche Filme zusammen mit Freunden immer wieder
an. Wir fieberten dem entgegen, was hinter der nächsten
Ecke lauern könnte.“
„Ich
habe lange und intensiv nach einer Schauspielerin gesucht,
die dieser Rolle gerecht wird“, sagt Harlin. „Izabella
verkörpert diese professionelle, starke Frau perfekt:
Sie behauptet sich unter den extrem widrigen Umständen
und erfüllt auch ihre Aufgabe. Außerdem war
diese Dreherfahrung besonders angenehm, weil so viele
der Mitwirkenden aus Skandinavien stammen: Stellan und
Izabella kommen aus Schweden, ich aus Finnland, wir
sprechen also dieselbe Sprache, lachen über dieselben
Witze. Und wir können uns unterhalten, ohne dass
der Produzent uns versteht!“ grinst er.
Als
Scorupco sich entschloss, die Rolle anzunehmen, ließ
sie sich vor allem von der Persönlichkeit ihres
Leinwandpartners und auch ihres Regisseurs beeinflussen.
„Was hat mich dazu gebracht, mit meinem vier Monate
alten Baby nach Rom zu fliegen? Die Chance, mit Stellan
Skarsgård zu arbeiten“, erinnert sie sich.
„Ich bin Schwedin, und er ist einer unserer größten,
angesehensten Schauspieler. Ich erlebe es als Geschenk,
in diesem Team arbeiten zu dürfen, von seiner Gegenwart,
von seiner Energie zu profitieren. Außerdem ist
Renny Harlin natürlich ein äußerst begabter
Regisseur, eine große Inspiration. Er nimmt seine
Arbeit wirklich ernst, auch wenn er ein sehr verspielter
Typ ist. Er experimentiert gern, und er lässt uns
ohne Druck alles und jedes ausprobieren, was wir zur
jeweiligen Szene beitragen können.“
„Renny
sorgt für gute Stimmung am Set – alle Beteiligten
kommen morgens gern zur Arbeit“, stimmt D’Arcy
ihr zu. „Er hat Autorität, und er sorgt für
eine Atmosphäre, die den Spieltrieb in uns fördert.
Er schreit nicht ständig ,Cut‘, sondern wir
dürfen immer weitermachen, uns wieder neu konzentrieren
und die Szene aus einer neuen Perspektive angehen. Und
er setzt die Kamera ungeheuer kompetent ein. Ich habe
noch nie erlebt, dass jemand die Kamera so locker neu
positioniert, ohne ständig zu grübeln: ,Wie
schneide ich das später zusammen?‘ Er beherrscht
sein Metier vollkommen. Es ist wunderbar, mit ihm zu
arbeiten.“
Pater
Merrin und Sarah sorgen sich um Josephs Sicherheit:
Der kleine Afrikaner freundet sich mit dem Ex-Priester
an, doch niemand hat die Macht, die grausigen Ereignisse
aufzuhalten, die um sie herum geschehen. Als die Finsternis
über das Dorf hereinbricht, werden Joseph und seine
Familie direkt vom Bösen heimgesucht. Der junge
Schauspieler Remy Sweeney bewies sehr schnell, dass
er der schwierigen Rolle gewachsen war.
„Die
Besetzung des Joseph erwies sich als sehr schwierig“,
sagt Harlin. „Denn er ist erst acht Jahre alt.
Ich habe etwa 200 junge Schauspieler getestet. Und als
Remy hereinkam, merkte ich sofort, dass ich meinen Joseph
gefunden hatte. Er ist ein Energiebündel, das uns
alle verzaubert. Ich spürte sofort, dass er genau
die Fantasie mitbringt, die er für die Rolle braucht.“
„Remy
ist ein Naturtalent – er kann’s ganz einfach“,
bestätigt Scorupco. „Wenn man ihn auf der
Leinwand erlebt, merkt man sofort, dass aus ihm mal
etwas wird!“
Zu
Beginn der Produktion war Sweeney sieben Jahre alt.
(Während der Dreharbeiten feierte er seinen achten
Geburtstag.) „Ich war sehr nervös, weil dies
mein erster Film ist“, sagt der in Großbritannien
geborene Sweeney. „Die Dreharbeiten waren sehr
aufregend, vor allem, wenn ich auf dem Monitor anschauen
durfte, was ich gerade gemacht hatte.“
Als
die Turkana-Stämme überzeugt sind, dass der
um sich greifende Wahnsinn die Schuld der Fremden ist,
drohen die Spannungen zu eskalieren. Britische Soldaten
sollen Unruhen verhindern, verschlimmern aber nur das
Chaos und provozieren Tumulte. Merrin muss hilflos mit
ansehen, wie sich seine Kriegserinnerungen wiederholen:
Auch diesmal sind Unschuldige die Opfer boshafter Grausamkeit.
„In
dieser Geschichte tritt das Böse in seiner reinsten
Form in Erscheinung“, überlegt Skarsgård.
„Es taucht in Gestalt des Teufels auf. Das ist
eine jener Geschichten, in denen das Böse geläutert
wird, und auch das Gute wird in gewisser Weise geläutert.
Also ähnlich wie im richtigen Leben, in dem es
auch keine eindeutig Guten und Bösen gibt. Merrins
Kampf um den Glauben ist ein Teil der Geschichte, und
sein Kampf gegen das Böse ein anderer.“
Bald
ist der Priester überzeugt, dass der Ursprung der
eskalierenden Gräuel nicht in der eigentlichen
Kirche zu suchen ist, sondern in der Kammer darunter,
wo das archaische Böse schon eine Ewigkeit auf
seine Befreiung wartet. Doch bevor er sich überhaupt
eine Chance zu dessen Überwindung ausrechnen kann,
muss er zunächst zu seiner Religiosität zurückfinden,
die er für immer verloren glaubte. „Wir erzählen
keine Fantasy-Geschichte“, sagt Harlin. „Es
geht um ganz grundsätzliche Dinge, um Gott und
den Teufel. Ohne den einen gibt es auch den anderen
nicht. Wer gläubig ist, muss an beide zugleich
glauben.“
Aufmarsch
auf dem Schlachtfeld
„Exorzist:
Der Anfang“ entstand ausschließlich in den
weltberühmten Cinecittà-Studios in Rom:
Sie doubelten die unterschiedlichsten Schauplätze
des Films: Afrika, Kairo und Holland. „Es ist
gar nicht so einfach, die schwarzafrikanische Atmosphäre
zu schaffen, wenn man gleich um die Ecke eine Pizza
holen kann“, sagt Harlin. „Wir bauten also
einige riesige Sets und setzten die unterschiedlichsten
Techniken ein, um die perfekte Illusion zu erschaffen:
dass wir uns nämlich im tiefsten Afrika befinden
und nicht auf einem Studiogelände. In einigen Szenen
berichten wir von der Vorgeschichte der Figuren –
zum Beispiel im Holland des Zweiten Weltkriegs. Entsprechend
bauten wir Häuser und Straßen, in denen es
zu dramatischen Ereignissen kommt.“
Harlin
beauftragte Produktionsdesigner Stefano Ortolani, die
monumentalen Sets des Films zu konstruieren. „In
allen Szenen verlange ich große Liebe zum Detail“,
sagt Harlin. „Ich will, dass die Hintergründe
unbedingt authentisch wirken, sie sollen so aussehen,
als ob die Menschen in diesen Häusern und Hütten
schon lange leben. Und das Publikum soll spüren,
dass in der uralten Kirche einfach alles passieren kann.“
Ortolani
und sein Team bereiteten sich intensiv auf den Bau der
reich ausgeschmückten byzantinischen Film-Kirche
und der unheimlichen Kammer darunter vor. Die Kuppel
der Kirche besteht aus einer Stahlkonstruktion, für
die Elektriker und die Beleuchter baute man spezielle
Gerüste. Die Kirchenwände sind mit detailreichen
Mosaiken verziert, auf denen die Legenden vom himmlischen
Krieg illustriert werden: Luzifers Vertreibung spielt
in der Geschichte eine wesentliche Rolle. „Wir
haben uns sehr eingehend mit der Mosaik-Technik auseinandergesetzt“,
sagt Ortolani. „Die Herstellung von Mosaiken ist
äußerst kompliziert und zeitaufwändig.
Also machten wir einen Abguss von einem originalen römischen
Mosaik-Fußboden aus der Villa Adriana in Tivoli
bei Rom, auf dem keine Bilder zu sehen sind. Dann flogen
wir einen hervorragenden Künstler aus England ein,
der auf diese Kopie unsere Illustrationen malte –
die abgebildeten Szenen berufen sich auf die christliche
Tradition und Geschichten über den Satanismus.“
Auf
dem Außengelände von Cinecittà entstand
eine gewaltige Schlucht aus Glasfaser. Mithilfe von
später eingefügten Computerbildern konnte
man in diesen Sets die unterschiedlichsten Szenen drehen.
Die Fläche der Schlucht betrug 80 mal 60 Meter
und war bis zu zehn Meter hoch. Während der Dreharbeiten
passte man die Höhe des Talbodens den Gegebenheiten
der jeweiligen Szene an, und bei der Endfertigung kamen
im Computer generierte Bilder hinzu, die dann den gewünschten
Eindruck vermittelten.
Harlin
schätzt sich glücklich, mit dem berühmten
italienischen Kameramann Vittorio Storaro arbeiten zu
dürfen: Storaro war viermal für den Oscar
nominiert – dreimal hat er ihn gewonnen, und zwar
für „Apocalypse Now“ (Apocalypse Now),
„Reds“ (Reds) und „The Last Emperor“
(Der letzte Kaiser). Wie üblich erwies sich Storaro
auch hier als stilsicherer Meister seines Metiers. „Ohne
Vittorio wäre dieser Film weder gruselig noch von
so betörender Schönheit“, lobt Harlin
seinen Kameramann. „Mir ging es vor allem darum,
eine äußerst finstere Atmosphäre zu
schaffen, in der die Schatten und dunklen Winkel dominieren
– in diesen Ecken kann sich der Zuschauer dann
die schauerlichsten Dinge vorstellen, die er aber eben
nicht zu sehen bekommt. Für mich ist diese düstere
Stimmung der Schlüssel zum Film.“
Kein
Zweiter versteht es so wie Storaro, Atmosphäre
und Handlung mit Hilfe der Beleuchtung zu gestalten.
Seine Umsetzung von „Exorzist: Der Anfang“
schafft aufrüttelnde, unvergessliche Bilder. „Renny
überlegte, wie man Merrins ersten Auftritt in der
Geschichte möglichst emotional gestalten könnte“,
berichtet Storaro. „Ich dachte darüber nach,
wie ich seinen inneren Konflikt mithilfe des Lichts
illustrieren kann. Es geht um das Verhältnis von
Realität und dem, was jenseits der Realität
liegt, nämlich Spiritualität. In einem Moment
fühlt sich jemand völlig kraft- und willenlos,
und dann spürt er plötzlich eine menschliche
Regung, ein Gefühl, das ihm Auftrieb für einen
neuen Anfang gibt. In uns allen gibt es jene düsteren
Gefilde, auf die man ein Licht werfen sollte.“
Die
Fratze des Bösen
Als
„Der Exorzist“ 1973 in die Kinos kam, erlebte
das weltweite Publikum schockierende Spezialeffekte,
wie es sie noch nie auf der Leinwand zu sehen gab. Im
Jahr 2004 sind spektakuläre Effekte natürlich
an der Tagesordnung – die Filmzuschauer sind daran
gewöhnt, das Unglaubliche zu glauben. Doch die
Filmemacher wollten die Zuschauer in „Exorzist:
Der Anfang“ nicht einfach mit knalligen, selbstzweckhaften
Effekten zudröhnen – stattdessen nahmen sie
sich vor, die Effekte einzusetzen, um die Stimmung des
Originals nachzuempfinden.
„Ich
will einen Film machen, der als logische Vorstufe zu
,Der Exorzist‘ überzeugt“, sagt Harlin.
„Wir verzichten also auf die elaborierten Spezialeffekte
und Tricks, wie sie heute üblich sind. Stattdessen
machen wir einen ursprünglichen Horrorfilm, der
von Spannung und Psychoterror getragen wird, wir verwenden
eher altmodische Effekte und verzichten auf jene Tricks,
die offensichtlich aus dem Computer stammen.“
„Natürlich
gehört ,Der Exorzist‘ zum Pflichtprogramm
und Anschauungsunterricht des Effekte-Teams“,
berichtet Gary Tunnicliffe, der bei „Exorzist:
Der Anfang“ für die Masken zuständig
ist. Seine Make-up-Effekte sind in zahlreichen Gruselklassikern
zu sehen gewesen, zum Beispiel in den Filmserien „Hellraiser“
(Hellraiser) und „Halloween“ (Halloween)
sowie in Tim Burtons „Sleepy Hollow“ (Sleepy
Hollow – Köpfe werden rollen). „Das
Original erweist sich als alterslos, weil es uns nicht
nur durch die konkreten Bilder packt, sondern auch auf
der Verstandesebene. Manche Horrorfilme sind wie ein
Schlag in die Magengrube, andere wie ein Schlag vor
den Kopf. ,Der Exorzist‘ funktioniert wie ein
Doppelschlag.“
Tunnicliffes
Team entwarf nicht nur die Maskeneffekte, sondern auch
die vielen detailreichen Requisiten des Films: Puppen,
religiöse Kleinode. Und sie mussten einem Rudel
bedrohlicher mechanischer Bestien Leben einhauchen.
Dazu waren umfangreiche Vorarbeiten nötig: Entwürfe,
Herstellung der Einzelteile, Gussformen und Bemalung.
Die
wohl entscheidende Frage in der Maskenabteilung betraf
das physische Aussehen der bedauernswerten Wesen, die
im Film vom Dämon besessen sind. „Renny war
der festen Überzeugung, dass der Dämon uns
an Linda Blair erinnern soll“, berichtet Tunnicliffe.
„Es ist ja derselbe Dämon, der in die Menschen
fährt. Wir wissen zwar nicht, wie dieses Wesen
eigentlich aussieht, aber sobald es von einem Menschen
Besitz ergreift, müssen wir die Maske so gestalten,
dass sie uns irgendwie bekannt vorkommt.“
Bei
seinen Vorbereitungen spracht Tunnicliffe mit dem Maskenbildner
des Original-„Exorzist“, Dick Smith. „Von
Dick erfuhr ich, dass sich die Dämonenfratze in
,Der Exorzist‘ aus Linda Blairs rundem, pausbäckigen
Gesicht ergab. Das ist das entscheidende Merkmal der
Dämonenmaske. Dieser Dämon hat keine riesigen
Hörner. Er ist auch nicht der Dämon aus ,Buffy
the Vampire Slayer‘ (Buffy – Im Bann der
Dämonen). Entsprechend veränderten wir die
Wangenknochen des Schauspielers, verpassten ihm ein
sehr asymmetrisches Gesicht, indem wir das Kinn an einer
Stelle vergrößerten, und fügten Risswunden
hinzu. Mir gefällt die Vorstellung, dass ein Dämon
sich selbst Schmerzen zufügt und die Haut zerfetzt,
um die menschliche Hülle zu vernichten, in die
er gefahren ist. Wir verwenden Kontaktlinsen, die die
Augen extrem hervortreten lassen, und mithilfe schwarzer
Farbe erscheinen die Zähne grau. Das sieht echt
ekelhaft aus.“
Obwohl
zwischen beiden Filmen über 30 Jahre liegen, verwendete
Dick Smith für den Original-Film dieselbe Grundausstattung
und dasselbe Verfahren wie das Maskenteam in „Exorzist:
Der Anfang“. „Wir benutzen die traditionellen,
bewährten Latex-Schaum-Masken“, verrät
Tunnicliffe. „Das entspricht genau dem Make-up,
das Dick gestaltet und verwendet hat. Allerdings benutze
ich eine etwas andere Farbe, und die Kontaktlinsen sind
heute sehr viel bequemer als damals. Doch generell handelt
es sich um die Technik der 70er-Jahre, die in vielen
Fällen auf Dick Smiths eigene Entwicklung zurückgeht.
Wenn unsere Masken gut aussehen, dann verdanken wir
das eigentlich ihm.“
Interessanterweise
blieb der außergewöhnlichste Effekt, den
Dick Smith für „Der Exorzist“ schuf,
praktisch unbeachtet: Der Pater Merrin des Films ist
über 70 Jahre alt, Max von Sydow war zum Zeitpunkt
der Dreharbeiten aber erst 44. Jeden Tag musste von
Sydow im Schminkraum drei bis vier Stunden ausharren,
bis Smith ihn in einen 70-Jährigen verwandelt hatte.
Entsprechend
dauerte es auch heute ungefähr vier Stunden, um
einen Besessenen mit all den Maskenteilen und Körperfarben
zu schminken, die für den gewünschten Effekt
nötig sind. Alle Teile wurden direkt auf die Haut
geklebt. Dabei kam eine Flüssigkeit namens Pros-Aid
zum Einsatz, ein sehr starker Leim auf Wasserbasis.
Wenn der jeweilige Schauspieler geschminkt war, musste
er den gesamten Drehtag in dieser Maske verbringen,
und abends war eine weitere Stunde nötig, um ihn
wieder abzuschminken. Maskenteile sind sehr empfindlich,
weil sie weich und geschmeidig sein müssen, denn
der Schauspieler soll in der Maske weiterhin natürlich
agieren und grimassieren können. Beim Abschminken
werden die Maskenteile völlig unbrauchbar –
für jeden Drehtag wird also ein kompletter neuer
Satz von Maskenteilen vorbereitet.
Belohnt
wurde Tunnicliffe durch die Reaktionen, die seine Besessenen-Masken
hervorriefen. „Die Leute meiden die Akteure in
diesen Masken wie die Pest, denn sie sehen reichlich
eklig aus. Und wenn schon jene Leute aus dem Bauch heraus
reagieren, die den Schauspielern direkt gegenübertreten,
dann werden wohl die Zuschauer ähnliches empfinden,
wenn sie die Leinwandbilder sehen.“
Eines
der kniffligsten Probleme packten Tunnicliffe und sein
Team an, als sie jene wilden Hyänen gestalteten,
die im Film eine wichtige Rolle spielen. (Von der praktischen
Arbeit her und auch aus Sicherheitsgründen war
der Einsatz echter Hyänen bei den Dreharbeiten
nur begrenzt möglich.) „Auf unsere Hyänen
bin ich sehr stolz“, sagt Tunnicliffe. „Natürlich
ist es sehr schwierig, echte Hyänen auf Menschen
zu hetzen, ohne dass etwas passiert. Ja, die eigentliche
Schwierigkeit besteht schon darin, die Hyänen überhaupt
zu etwas zu motivieren. Sie liegen nur da und schlafen.“
Bei
der Gestaltung dieser schwierigen Sequenzen arbeitete
das Maskenteam mit den Computerexperten zusammen. In
den Totalen sind echte Hyänen zu sehen, für
Nahaufnahmen standen Hyänenpuppen zur Verfügung.
Eine hatte weiche Zähne, sie konnte gefahrlos in
einen Arm beißen. Eine andere hatte kräftige
Zähne, mit der sie Fleisch aufreißen konnte.
Und eine voll mechanisierte Hyäne konnte den Kopf
drehen und knurren. Alle wurden mit Schläuchen
ausgestattet, durch die man Blut aus ihren Mäulern
pumpen konnte.
Die
fertigen Bestien sahen fast zu echt aus, wie Tunnicliffe
beim Dreh erleben musste. „In ein paar Nahaufnahmen
führte ich die mechanische Hyäne wie eine
Handpuppe und schlug ihre Zähne in einen unserer
künstlichen Gummiarme. Da hörte ich das Script-Girl
nebenan schreien: ,O mein Gott!‘, als ich ein
großes Stück abbiss und das Blut nur so spritzte.
Es bringt Spaß, wenn man sogar das Team überzeugen
kann.“
Das
Ergebnis dieser Knochenarbeit lässt dem Zuschauer
wirklich die Haare zu Berge stehen. „Ich halte
mich so weit wie möglich an reale Vorbilder“,
sagt Tunnicliffe. „Manchmal übertreiben es
die Maskenbildner bei ihren Effekten – dann macht
das Publikum nicht mehr mit. Manchmal reicht es schon,
wenn jemand sich den Zeh verstaucht, weil wir alle das
Gefühl kennen, aber es ist sehr viel schwieriger,
sich vorzustellen, wie sich jemand in ein fliegendes
Monster verwandelt. Wenn man bei den Effekten nah an
der Realität bleibt, wirken sie viel beeindruckender.“
„Das
Publikum liebt schaurige Szenen auf der Leinwand“,
sagt Harlin. „Denn es ist ein sehr befriedigendes
Gefühl, im Kinosessel zu sitzen, alle möglichen
Gruselgeschichten zu erleben, um dann am Ende, wenn
das Licht angeht, das Kino zu verlassen und sich klarzumachen,
dass man ein behütetes und gutes Leben führt.
Solch ein Erlebnis garantiert auch unser Film. Wenn
Sie wirklich einen Film sehen wollen, bei dem sie sich
an Ihrem Nachbarn festkrallen, das Popcorn durch die
Gegend fliegt und sie hoffentlich auch ein paarmal die
Augen schließen müsssen, dann ist ,Exorzist:
Der Anfang‘ genau der richtige Film für Sie.“ |