Filminfo: Severance
 
 

Kinostart: 30. November 2006

Sieben Schreibtischtäter, die normalerweise bloß gegen die Langeweile ihres Jobs kämpfen, fighten plötzlich um ihr Leben! Bei einem Ausflug in ein osteuropäisches Waldgebiet, bei dem die Angestellten des Rüstungskonzerns „Palisade Defence“ eigentlich Workshops zu Teamarbeit und Verkaufsförderung abhalten sollen, kommen sie vom Weg ab und landen in einem einsamen, heruntergekommenen Haus im Wald. Der ohnehin schon unangenehme Aufenthalt in der muffigen Bruchbude wird nicht gerade angenehmer, als sie feststellen müssen, dass im Wald um sie herum eine tödliche Gefahr lauert. Schatten huschen durch die Büsche, merkwürdige Geräusche ertönen. Dann treffen sie plötzlich auf eine brutal zugerichtete Leiche! Und auch ihre eigenen Reihen werden nun empfindlich ausgedünnt! Die Helden des Büroalltags müssen einen panischen Kampf ums nackte Überleben führen. Eine atemlose und bizarre Hetzjagd durch einen Wald voller Geheimnisse nimmt ihren Lauf… Berufliche Fortbildung kann echt tödlich sein!

Im Wald, da sind die Killer…

Eine kleine Übersicht über ein beliebtes Subgenre des Horrorfilms

Alfred Hitchcock ist Schuld. Auch wenn es mittlerweile nur schwer nachvollziehbar ist– sein Gruselklassiker „Psycho“ (1960) machte den Weg frei: Ohne „Psycho“ würde der Slasherfilm der siebziger und achtziger Jahre und damit der moderne Horrorfilm nicht existieren; hätten Michael Myers, Jason Voorhees und Freddy Krueger nicht gemordet und wären kiffende Teenager in einsamen Wald-Hütten nicht von blutgierigen Dämonen oder wahlweise sadistischen Killern zerstückelt worden. Besonders „Halloween“ (1978) und „Freitag der 13.“ („Friday the 13th“, 1980) – inklusive aller Fortsetzungen – schufen noch heute gültige Gesetzmäßigkeiten des Schlitzerfilms. Das sexhungrige Pärchen zum Beispiel, von dem jeder weiß, dass ihm nach vollzogenem Beischlaf im Kerzenlicht keine zweite Runde mehr beschieden ist. Oder der liebenswert-trottelige Dicke, der noch für ein paar Lacher gut ist, bevor Gevatter Tod entschlossen bei ihm anklopft. Und natürlich der gesichts- und gnadenlose Schlitzer, der sich fröhlich, mit Lust und morbider Leidenschaft, durch die Reihen seiner Opfer mäht und von dem man gar nicht wissen muss, wie er aussieht, weil er sowieso das personifizierte Böse darstellt.

Eher noch als die slasher movies entwickelte sich eine weitere cineastische Horror-Spielart, die weit weniger zimperlich und launig mit ihren Opfern verfuhr: der Terrorfilm. Es mag vielleicht etwas zu weit hergeholt sein, „Mondo Brutale“ („The Last House on the Left“, 1972) und „Das Kettensägenmassaker“ aka. „Blutgericht in Texas“ („The Texas Chain Saw Massacre“, 1974), die Debütfilme von Wes Craven und Tobe Hooper, direkt auf Alfred Hitchcock zurück zu führen. Aber im Blick auf unser blutiges Kleinod SEVERANCE haben diese beiden Meilensteine des Terrorfilms ein längst unverzichtbares Genre-Motiv zum Standard erhoben, mit dem auch Hitchcock gern spielte: die, sagen wir mal, ländliche Abgeschiedenheit, in der sich ganz besonders gut morden lässt. Abgelegene Waldgebiete („Mondo Brutale“) eignen sich nämlich als Tatort für sadistische Bluttaten ebenso gut wie ein einsames Haus („Blutgericht in Texas“) oder eine zerklüftete Wüstenlandschaft (Wes Cravens „Hügel der blutigen Augen“ – „The Hills Have Eyes“, 1977).

Nur wenig später gelang es Sam Raimi in seinem Splatter-Klassiker „Tanz der Teufel“ („The Evil Dead“, 1981), das Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip des slasher movies mit der brutalen Atmosphäre des Terrorfilms zu kombinieren. Schauplatz von Raimis Hit istübrigens eine verlassene Hütte in einem abgelegenen Wald. Dass immer mehr Horror-Filmer – nicht nur aus Kostengründen – einsame Wälder als Schauplatz für ihre Schlitzer-Exzesse auswählten, zeigen Beispiele wie die Camp-Filme (und das im doppelten Wortsinn) „Ausflug in das Grauen“ („Don’t Go in the Woods“, 1982) und„Blutiger Sommer“ („Sleepaway Camp“, 1983) sowie nicht zuletzt das Popkultur-Phänomen „Blair Witch Project“ („The Blair Witch Project“, 1999), das ohne Geschichte, dafür aber mit einer wahnsinnig authentischen weil quasi-dokumentarischen Atmosphäre daher kam. Und siehe da: Ebenso wie „Psycho“ die internationale Duschkultur nachhaltig ruiniert hatte, richtete „The Blair Witch Project“ für vormals idyllische Wald-Spaziergänge einen erstklassigen Image-Schaden an. Nachdem Wes Craven mit seinem selbstironischen Meisterwerk „Scream – Schrei!“ („Scream “, 1996) gleichermaßen Höhepunkt des Schlitzerfilms und Abgesang auf denselben inszeniert hatte, verlagerte sich der Schwerpunkt des Genres – Party-Slasher movies wie „Freddy Vs. Jason“ („Freddy Vs. Jason“, 2003) wurden seltener, der ultrabrutale, humorlose Terrorfilm (wieder) beliebter.

Besonders in den letzten Jahren prägten junge, wilde Regisseure den Horrorfilm, die mit modernen Mitteln und wenig zimperlich ihren blutigen Vorbildern aus den Siebzigern huldigten. In Eli Roths „Cabin Fever“ („Cabin Fever“, 2002) und Rob Zombies „Das Haus der 1000 Leichen“ („House of 1000 Corpses“, 2003) – eindeutige Verbeugungen vor„Tanz der Teufel“ und „Blutgericht in Texas“ – blitzte noch tiefschwarzer Humor auf, von dem sich die Filmemacher aber prompt wieder verabschiedeten: Weder in Roths„Hostel“ („Hostel“, 2006) noch in Zombies „The Devil’s Rejects“ („The Devil’s Rejects“, 2005) gibt’s viel zu lachen. Auch in Filmen wie Rob Schmidts „Wrong Turn“ („Wrong Turn“, 2003), Marcus Nispels Remake „Michael Bays Texas Chainsaw Massacre“ („The Texas Chainsaw Massacre“, 2003), James Wans „Saw“ („Saw“, 2004) und Greg McLeans „Wolf Creek“ („Wolf Creek“, 2005) sowie Alexandre Ajas „ High Tension“ („Haute Tension“, 2003) und „The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen“ („The Hills Have Eyes “, 2006) regiert der nackte Terror. All diesen Filmen ist übrigens wiederum eines gemeinsam: die Abgeschiedenheit des Schauplatzes – sei es ein baufälliges Haus im Nirgendwo, die Einöde in der Wüste Neu Mexikos oder im australischen Outback oder – natürlich – ein undurchdringliches Dickicht im Wald.

Trotz der viel beschworenen neuen Härte ist der Humor im Horrorfilm – ebenso wenig wie der unkaputtbare Schlitzer – einfach nicht tot zu kriegen. Peter Jackson hatte es mit seinen schreikomischen Blutbädern „Bad Taste“ („Bad Taste“, 1987) und „Braindead“ („Braindead“, 1992) vorgemacht: Splatter und Slapstick müssen sich nicht automatisch ausschließen. Es dauerte freilich einige Zeit, bis ein findiger britischer Horrorfilmer auf die Idee kam, beinharten Terror mit zynisch-ironischem Witz zu würzen. Neil Marshall reicherte seine Soldaten-gegen-Werwölfe-Geschichte „Dog Soldiers“ („Dog Soldiers“, 2002) so virtuos mit galligem Witz und ironischem Machismo an, dass Gags und Gore eindrucksvoll ein blutig-harmonisches Ganzes ergaben. Übrigens: „Dog Soldiers“ spielt– man ahnt es vielleicht – überwiegend im Wald.

Natürlich verstehen es auch Briten, heftigen und humorlosen Horror zu inszenieren. Das bewiesen zuletzt moderne, bluttriefende Genre-Perlen wie Christopher Smiths Erstling„Creep“ („Creep“, 2004) und Marshalls Schocker „The Descent“ („The Descent“, 2005). Aber das Mutterland des schwarzen Humors bescherte uns darüber hinaus das wohl komischste Horror-Happening der letzten Dekade: die romantische Zombie-Komödie„Shaun of the Dead“ (2004). Unter tatkräftiger Mitwirkung etlicher Stars der britischen Comedy schrieben und inszenierten Simon Pegg und Edgar Wright, die Macher der TV-Serie „Spaced“, eine liebe- und humorvolle Hommage an die Zombie-Filme von George A. Romero, die auch mit derben Splatter-Effekten nicht geizte. Ein Jahr später wurde – unverkennbar im Fahrwasser von „Shaun of the Dead“ – „Boy Eats Girl“ (2005) produziert, eine High-School-Komödie mit vielen Zombies und noch mehr Blut und Gedärm.

Britischer Humor ist nun auch eine treibende Kraft von Christopher Smiths SEVERANCE. Allerdings sieht Smith sein augenzwinkerndes Horror-Epos weniger in der Tradition von „Shaun of the Dead“ als in der von Terrorfilmen wie „The Hills Have Eyes“ und hartem Hinterwäldler-Horror wie John Boormans „Beim Sterben ist jeder der Erste“ („Deliverance “, 1972). Dabei verliert er allerdings nie den Blick für absurde Momente und tiefschwarze Gags. Alfred Hitchcock hätte SEVERANCE übrigens sicher gefallen. Die Kino-Legende war schließlich Engländer.

 
     
 
 
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