"Aladdin" Filmkritik - Original vs. Live-Action

  

Die Live-Action-Adaption von "Die Schöne und das Biest" blieb im Vergleich zum Original weitgehend unverändert. "Dumbo" hingegen konnte in seiner modernen Form fast schon als gänzlich neue Geschichte wahrgenommen werden. Und bei dem aktuellsten Versuch seitens Disney, junge Fans und alte Retrohasen gleichermaßen abzuholen, haben wir es nun mit einer Mischung aus diesen beiden Vorgehensweisen zu tun.

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In "Aladdin" blieb der grundlegende Plot, mit all seinen relevanten Abläufen, zwar erhalten, gleichzeitig haben sich die Produzenten jedoch dafür entschieden, einige gravierende Veränderungen mit einzubauen. Manche davon dürfen wohl und gerne als logische Anpassung an den modernen Kinogänger verstanden werden. Andere sind für eine positive Wahrnehmung nichtsdestoweniger äußerst kontraproduktiv.

Aus alt mach neu

Richtungstechnisch wurde natürlich nichts verändert. Der diabolische Großwesir Jafar (Marwan Kenzari) will sich die Zauberlampe, welche tief in der Höhle der Wunder verborgen liegt, unter den Nagel reißen, damit er Sultan anstelle des Sultans werden kann. Dafür braucht er einen ungeschliffenen Diamanten, eine Person, die ihr wahres Potenzial noch nicht erreicht hat, aber zu Großem bestimmt ist.

Diesen findet er wiederum in dem Straßendieb Aladdin, welcher schlussendlich auch die Lampe erhält und den darin befindlichen Dschinni, in der Realversion verkörpert von Will Smith ("Independence Day", "Bad Boys", "Das Streben nach Glück"), befreit. Was danach passiert, dürfte den meisten von euch bekannt sein, alle anderen werden an dieser Stelle nicht von uns gespoilert.

Doch sollten sich jene, die bisher mit der Mär um blaue Zaubergeister und taffe Prinzessinnen keine Berührungspunkte hatten, ein Weiterlesen zweimal überlegen. Denn wir konzentrieren uns ab jetzt auf die Abänderungen zum Original und wie diese das Kinoerlebnis beeinflussen. Wer einfach nur wissen mag, ob sich der Kauf eines Tickets lohnt, dem sei verraten, dass der 2019er "Aladdin" in der heutigen Zeit genauso gut funktioniert, wie es das Erstlingswerk 1992 getan hat.

Es ist ein weitgehend gelungenes Märchen, mit Herzschmerz, einer großen Menge Humor und der richtigen Kernaussage für die Jüngsten. Technisch einwandfrei, schauspielerisch mindestens überdurchschnittlich gut und mit hohem Unterhaltungswert, der jedoch, genau wie in der originalen Dinsey-Version, in der zweiten Hälfte mittelstark nachlässt. Die Songs sind klasse und weisen nur kleine Veränderungen zum Erstlingswerk auf, die alle weitestgehend als gelungen angesehen werden können.

Aladdin

Im Kreuzfeuer der Kritik

Die Änderungen, die in der 2019er Variante vorgenommen wurden, sollen dafür sorgen, dass der Film besser in die heutige Zeit passt. Moralische Werte verschieben sich, Humor ohne Rücksicht kann verletzend sein und wer es sich mit gewissen Gruppierungen und ihrem Kampf für Gerechtigkeit verscherzt, hat am Ende des Tages schlimmstenfalls Millionen an Budget in die Tonne getreten, weil sein Werk boykottiert wird.

All diese Gründe und noch mindestens im zweistelligen Bereich mehr haben dafür gesorgt, dass der neue "Aladdin" gravierende Veränderungen zur ursprünglichen Version aufweist. So sind die beiden Liebenden, Aladdin und Jasmin, zum Beispiel ein gutes Stück älter, da es sich mit unserer modernen Vorstellung von Moral schwer vereinbaren lässt, dass ein fünfzehnjähriges Mädchen erst zwangsverheiratet werden soll und dann einen Achtzehnjährigen zum Mann nimmt.

Und wer dachte, dass die Neubesetzung des Dschinni ein Problem darstellen würde, weil niemand Robin Williams ersetzen kann (was ja auch stimmt), dem sei hier verraten, dass Will Smith trotzdem einen hervorragenden Job abliefert und die erste Hälfte des Films fast im Alleingang trägt. Schade ist bei seiner Rolle lediglich, dass er nicht den kindischen Charme von Williams rüberbringt, sondern zeitweise sogar arrogant wirkt.

Viel eher hätten wir uns Sorgen über die Besetzung von Jafar machen sollen, hier verkörpert durch Marwan Kenzari ("Die Mumie", "Mord im Orient-Express", "Ben Hur"). Dem Antagonisten fehlt es in der Live-Action-Adaption weitgehend an allem. Nun ist er ein ehemaliger Straßendieb, genau wie Aladdin, der sich zum Wesir hochgearbeitet hat, so unwahrscheinlich dies auch auf mehreren Ebenen sein mag. Er ist noch weniger Zauberer, als es das Original war, hat quasi nur seinen Hypnosestab als Trick im Repertoire.

Im Vergleich zum Cartoon-Jafar fehlt es Kenzaris Version einfach am gewissen etwas. Sein Alter, seine Stimme, seine Vergangenheit und sein Auftreten im Allgemeinen sind die eines Handlangers, hinter welchem der wahre Antagonist die Strippen zieht. Für mehr reicht der Faktor seiner Bedrohlichkeit schlichtweg nicht aus.

Im Kreuzfeuer der Kritik II

Und warum Jasmine abändern, die eigentlich gar nicht taffer hätte dargestellt werden brauchen? War sie unter den Disney-Prinzessinnen doch schon immer eine von denen, die ohne Männer ziemlich gut klarkommen. Hier muss sie aber ein noch strahlenderes Licht für kleine Mädchen auf der ganzen Welt sein, weswegen sie nicht nur ihren Ehemann selbst wählen möchte, sondern es auch gleich auf den Thron abgesehen hat.

Ist das per se wirklich ein Problem? Eigentlich nicht. Außer natürlich, der gesamte Part wirkt unnötig aufgezwungen und vorne bis hinten unrealistisch. Der Teil mit Jasmine, die einen Platz in der Politik anstrebt, sowie es wohl ihre Mutter bereits getan hatte, fügt sich schwerlich in den Rest der Geschichte ein, macht eher den Anschein, auf Gedeih und Verderb entstanden zu sein, um es gewissen Gruppierungen recht zu machen.

Es ist zwar schön und gut, dass die Disney-Prinzessin nun endlich einen eigenen Song hat, weniger angenehm ist jedoch, dass dieser dem geneigten Kinozuschauer - und ich kann es nicht anders bezeichnen - aufgezwungen wird. Und das gleich zwei Male. Der gesamte Part wirkt so an den Haaren herbeigezogen, dass er für mich diese drei Absätze des Motzens durchaus rechtfertigt und zumindest aus meiner Sicht soll das schon was heißen.

Kleintier macht auch ...

Alle anderen Veränderungen sind deutlich geringfügiger, jedoch auf gewissen Ebenen nervtötend sinnfrei. So wie die fragwürdige Liebesgeschichte zwischen dem Dschinni und der Dienerin von Jasmine. Das Papagei Jago sich wie ein ’normaler' Vogel verhält, aber in der Lage ist, den ungeschliffenen Diamanten noch vor Jafar als solchen zu erkennen. Oder das der Bösewicht per Wunsch zum Sultan wird, die Wachen ihm aber dennoch nicht gehorchen, weil die Prinzessin eine so herzergreifende Geschichte erzählt hat.

Vierzehn hoch zwei kleine Abänderungen, die im Kopf der Drehbuchautoren wohl gut klangen, im fertigen Produkt jedoch deutlich als schlechtere Wahl hervorstechen. Verschlimmbesserungen, die dafür sorgen, dass das gesamte Ende sinnfreier ist, als es nötig gewesen wäre. Und warum ein gigantischer CGI-Jago, der den Helden durch die Stadt jagt, besser ist als ein Schlangen-Jafar ist mir auch nicht ganz schlüssig ...

Fazit

Macht all dies den Film nun zu einem minderwertigen Werk? Mitnichten. Der 2019er "Aladdin" ist im Großen und Ganzen ungefähr so gut, beziehungsweise gelungen, wie es das Original war. Und um ehrlich zu sein, lebt der Film auch mehr von Robin Williams und unserer Nostalgie als von waschechter Qualität.

Doch gerade für jene, die die 1992er-Variante lieben, können die Neuerungen für Bauchschmerzen sorgen. Einige haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Andere sind zumindest in der Grundidee solide, aber einfach schlecht umgesetzt. Und dann gibt da wiederum solche, deren Logik und Qualität gänzlich auf der Strecke geblieben sind.

Bewertung: 3/5***

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 23.05.2019