"Captain Marvel" Filmkritik — Thanos‘ schlimmster Alptraum

  

In den 1990er Jahren war Nick Fury (Samuel L. Jackson) noch ein junger S.H.I.E.L.D.-Agent und kurz davor, die wichtigste Begegnung in seiner Karriere zu haben. Als nämlich die Kree-Kriegerin Vers (Brie Larson) auf der Erde notlandet, gerät der charismatische Spion mitten in einen intergalaktischen Krieg. Vers' Volk befindet sich schon seit geraumer Zeit im Kampf gegen die Skrull, einer Rasse, die ihr Aussehen nach Belieben ändern kann. Und einige von ihnen befinden sich bereits auf unserem Planeten.

Nun gilt es nicht nur, die außerirdischen Angreifer in ihre Schranken zu verweisen, sondern ebenfalls herauszufinden, warum sich die Kree-Soldatin Vers an die Erde und einem Leben auf der blauen Kugel erinnern kann. Die Antworten liegen anscheinend in einem Geheimprojekt der Regierung begraben und so muss das ungleiche Duo neben den Skrull auch noch die eigenen Leute bekämpfen, die dank den Gestaltwandlerfähigkeiten des Gegners den falschen Feind jagen ...

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Was es nicht ist

Kaum wurde "Captain Marvel" offiziell angekündigt, da musste sich der Film bereits mit DC´s "Wonder Woman" vergleichen lassen. Doch obwohl beide Streifen einen weiblichen Superhelden in den Fokus rücken, könnten die Werke unterschiedlicher nicht sein. Während Patty Jenkins Blockbuster - mit Gal Gadot in der Hauptrolle - auf eine Kriegerin und Powerfrau setzt, ist die Protagonistin in dem neuesten Ableger des "Marvel Cinematic Universe" schlichtweg weiblich - und nicht mehr.

Es gibt keine unterschwelligen Anspielungen, keine Bemerkungen über Geschlechterrollen und keinen näheren Blick auf die Tatsache selbst. Heldin Vers, alias Captain Marvel", ist einfach eine Frau. So etwas kommt vor. Statt sich also darauf zu konzentrieren, irgendwelche Gender-Kämpfe auszutragen, sieht der Film von Anna Boden und Ryan Fleck ("It´s Kind of a Funny Story") seine Rolle darin, zu erklären, woher diese übertrieben starke Superheldin kommt, die in "Avengers: Endgame" für große Veränderungen sorgen soll.

Der Film selbst ist eine Mischung aus Origin-Geschichte und Aufklärungsbericht, seichtes Spektakel und Eckpfeiler für die MCU-Kontinuität zugleich. Was er jedoch nicht ist, auch wenn einige Kritiker davon überzeugt zu sein scheinen, ist eine Buddy-Komödie. Die Figuren Vers und ein jüngerer Nick Fury sind zwar zusammen unterwegs und es wird Gebrauch von ihrer Chemie untereinander gemacht, doch macht dies nur einen Bruchteil des Films selbst aus.

Lediglich ein Viertel der Geschichte zeigt die beiden als Duo. Davor konzentriert sich das Werk darauf zu erklären, wer Vers eigentlich ist und was sie auf unseren Planeten verschlagen hat. Und im Anschluss haben wir es bereits mit einer kleinen Gruppe aus Außenseitern zu tun, die gemeinsam dem übermächtig wirkenden Feind entgegen treten. Was viel interessanter ist als die Frage, in welche Schublade der Film gestopft werden kann, ist also die Qualität dessen, was wir da zu sehen bekommen.

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Was es ist

"Captain Marvel" fängt relativ schwach an und wirkt in den ersten Filmminuten wie einer dieser austauschbaren Superheldenfilme der 1990er Jahre, also aus dem Zeitraum, in welchem das Werk ironischerweise auch spielt. Nach der Bruchlandung auf der Erde nimmt der Film jedoch allmählich Fahrt auf und verwandelt sich in eine angenehme Mischung aus Actionkomödie und Fantasy-Spektakel. Nicht unbedingt clever, dafür äußerst unterhaltsam.

Die richtigen Sprüche zur richtigen Zeit, jede Menge rasanter wie manchmal auch irrwitziger Szenen und actiongeladene Momente, die sich in die Erinnerung einbrennen. Also quasi all das, was man von Popcorn-Kino dieser Marke erwarten kann und darf. Dabei bleibt der Film seiner eigenen, stellenweise verdreht wirkenden Logik treu, ohne sich selbst allzu ernst zu nehmen. Doch ins Lächerliche zieht das Werk deswegen ebenfalls nichts, stattdessen balanciert das Drehbuch auf einem dünnen Seil genau zwischen diesen beiden Extremen.

Die Geschichte ist erwartungsgemäß nicht das Gelbe vom Ei, dafür darf ich ohne rot zu werden behaupten, dass sie besser ausgearbeitet wurde als in den meisten Konkurrenzwerken. Lediglich eine Sache fällt negativ auf, nämlich der fehlende Glaube der Schöpfer von "Captain Marvel", dass der geneigte Kinogänger in der Lage ist, selbst zu denken. Relevante Informationen werden nicht einfach nur visuell dargestellt oder erklärt, sondern stets in beiden Formen dem Zuschauer präsentiert, was mitunter ein wenig nervig sein kann.

Die vielseits kritisierte Allgegenwart der 90er Popkultur habe ich hingegen nicht negativ wahrgenommen. Der Film spielt in dieser Zeit, was haben die Leute also erwartet? Natürlich gibt es entsprechende Filmplakate, Musikuntermalung und Geschäftsketten, die in diesem Zeitrahmen allerorts vertreten waren. Abgesehen von ein/zwei Stellen ist dies für den Streifen jedoch auch nicht weiter relevant. Kinder der 90er wird es freuen, allen anderen fehlt sowieso der Bezug, was all diese Faktoren lediglich zu Randnotizen macht.

Der Jungbrunnen

Möglicherweise werden meine Augen langsam schlechter oder ich bin dem gegenüber blind geworden, was ich nicht sehen möchte. Doch der negativen Kritik in Sachen CGI-Einlagen kann ich mich nicht anschließen. Manch einer möchte ja erkannt haben, dass die computergenerierten Effekte deutlich mieser aussehen, als es in vorangegangenen MCU-Filmen der Fall war. Nachdem ich erst vor kurzem den letzten Avenger-Streifen gesehen habe, fällt es mir schwer, dass zu glauben.

Gleiches gilt für die Technologie, die Charaktere wie Nick Fury und Phil Coulson (Clark Gregg) deutlich jünger darstellt, als ihre Akteure heute sind. Selbst bei genauer Betrachtung wollte mir einfach nichts auffallen, was wirklich gegen diese Form von Computerbearbeitung spricht. Vielleicht sieht man die Bearbeitung an der äußerst geraden Kante an Furys Haaren; vielleicht sieht man dadurch aber auch nur seine Vorliebe für einen genauen Haarschnitt.

So oder so kann ich in Sachen grafischer Darstellung nichts, bis wenig gegen dieses Werk sagen. Natürlich gibt es immer mal wieder Momente in Actionszenen, in welchen das Bild etwas verwischt, doch unterm Strich tut dies nicht weh, fällt in der Regel gar nicht auf und ist im Nachhinein bereits wieder vergessen.

Fazit

Anna Bodens und Ryan Flecks "Captain Marvel" ist sicherlich nicht einer der besten Filme des MCU, doch angenehm unterhaltsames Popcornkino, welches für wirkliche Fans des Marvel Cinematic Universe zum Pflichtprogramm gehören sollte. Die Handlung bewegt sich im lauwarmen Bereich, dafür stimmt die Mischung aus Humor, Action und Storytelling. Die gesammelte Riege an Schauspielern macht durchweg einen überdurchschnittlich guten Job und die Regiearbeit befindet sich auf gehobenem Niveau.

PS: liebe Kollegen aus der Pressevorführung. Der "alte Mann" aus dem Intro, welcher ebenfalls einen Cameo im Film hat, ist nicht irgendein bekannter Schauspieler, sondern Stan Lee. Möge er in Frieden ruhen. Excelsior!

Bewertung: 3/5***

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 06.03.2019