Cherry – Der tiefe Fall

  

von Peter Osteried | 15.03.2021

Das autobiographisch geprägte Drama „Cherry“ ist seit dem 12. März bei Apple TV+ zu sehen. Hier unsere Kritik zum Film mit Tom Holland.

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Für Tom Holland ist CHERRY die Gelegenheit, die schauspielerischen Muskeln zu trainieren, die in seiner Rolle als Spider-Man verkümmern. Für die Russo-Brüder ist der Film nach den vielen Superhelden-Spektakel eine Rückkehr zu kleineren, echteren Geschichten, die nicht vom Bombast, sondern vom Schauspiel leben. Basis für den Film ist der Roman von Nico Walker, der als literarische Selbsttherapie beschrieben wurde, arbeitet der ehemalige Soldat doch seinen eigenen Lebensweg damit auf.

Cherry –– Zur Handlung

Ein junger Mann läuft ziellos durchs Leben. Dann lernt er Emily kennen und lieben, aber da hat er sich schon zur Armee gemeldet. Es wird noch kurz geheiratet, dann findet er sich im Irak wieder und kommt mit einem posttraumatischem Belastungssyndrom zurück.

Das ist der Moment, an dem sein Leben ganz und gar entgleist – und das von Emily mit ihm. Denn beide begeben sich in eine Abwärtsspirale, die von Drogensucht und Kriminalität geprägt ist.

Cherry –– Eine Kritik

Mit 142 Minuten Laufzeit ist CHERRY ein langer Film, aber einer, der nie langweilig wird. Die Erzählweise ist disruptiv, der Film entspricht nicht unbedingt dem, was man bei einer dramatischen Umsetzung erwarten würde. Er ist zwar in seiner Erzählweise linear, die einzelnen Kapitel, in die das Werk unterteilt ist, wirken aber voneinander losgelöst.

Das unterstreicht den authentischen Ansatz. Da man den Eindruck erhält, dass hier nicht eine Geschichte für einen Film, sondern aus dem echten Leben erzählt wird, das in seiner chronologischen Form auch wirr und bruchstückhaft ist. Man springt entsprechend mit der Hauptfigur durch ihr Leben, das von Kapitel zu Kapitel düsterer und deprimierender gerät.

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Es ist ein Kunstgriff des Autors, Tom Hollands Figur keinen Namen zu geben. Selbst auf der Uniform ist er nicht zu sehen – dort steht nur ein generisches „Soldier“. Er macht ihn damit zu einem Avatar seiner selbst, und man hat das Gefühl, als würde man einem Mann begegnen, der einem aus einer Laune heraus seine Lebensgeschichte erzählt. Dem trägt der Film durch den von Holland gesprochenen Voice-Over-Kommentar Rechnung.

Technisch ist das Ganze faszinierend, weil auch mit dem Bildformat gespielt wird. Die Ausbildungsszenen, die an FULL METAL JACKET erinnern, kommen in 4:3 daher, der Rest ist in 2,39:1. Zudem hat man auch verschiedene Kameras benutzt, um den einzelnen Kapiteln einen eigenen Look zu geben, vom eher traumhaften Anfang zum harten Realismus des Drogenabstiegs.

Getragen wird der Film von Holland, der sich als einer der feinsten Schauspieler seiner Generation erweist, aber auch Ciara Bravo ist in den Momenten hoher Emotionalität hervorragend.

Fazit

Der Film nutzt eine sehr eigene Art, seine Geschichte zu erzählen. Er emuliert dabei eher die etwas sprunghafte Art, wie jemand seine eigene Lebensgeschichte erzählen würde, als den filmischen Formeln und Regeln zu folgen. Schauspielerisch ist CHERRY auf ganz hohem Niveau, inszenatorisch ist das Ganze verspielt. Alles in allem ein starker Film, der grimmig und düster ist, am Ende aber mit einem Schimmer der Hoffnung aufwartet.

Bewertung: 4/5****

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Bildmaterial: (c) Apple