"Ein Gauner und Gentleman" Filmkritik - Der richtige Stil

  

Manche Menschen haben etwas in ihrem Leben, das ihnen hilft, einen Tag nach dem anderen zu meistern, gute Laune zu behalten und der schnöden Realität mit einem Lächeln zu begegnen. Bei einigen ist es eine Person, die an ihrer Seite steht. Beim Nächsten pure und fast schon befreiende Dummheit. Und wieder andere haben einfach herausgefunden, was sie glücklich macht; ein Hobby, der Beruf oder religiöse Ansichten.

GaunerundGentleman

Robert Redford ist Forrest Tucker

Bei Forrest Tucker, welcher in "Ein Gauner und Gentleman" von Robert Redford ("Der Clou", "Die Unbestechlichen", "Spy Game") verkörpert wird, ist es eine Mischung aus Banküberfällen und Gefängnisausbruch. Zwei Vorlieben, die sich wunderbar miteinander verbinden lassen. Der in die Jahre gekommene Rentner hat in seinem bisherigen Sein quasi nichts anderes gemacht und fühlt sich auf diesem Pfad des Lebens pudelwohl.

Mit Gleichgesinnten besucht er eine Bank nach der anderen, erleichtert das Personal um das lästige Geld, welches diese zu verantworten haben und hinterlässt dabei trotzdem stets einen absolut positiven Eindruck. Ein freundlicher, lächelnder Mann, der seine Arbeit anscheinend überaus liebt. Da Tucker jedoch nicht weiß, dass man aufhören soll, wenn es am Schönsten ist, hat er es alsbald mit großen Veränderungen zu tun.

Zum einen ist da die Farmbesitzerin Jewel (Sissy Spacek), die dem alten Ganoven gehörig den Kopf verdreht und dafür sorgt, dass er unvorsichtig wird. Und zum anderen ist der Polizist Hurt (Casey Affleck) auf den Rentner-Gangster aufmerksam geworden. In einem Versuch, sich selbst zu beweisen und seine Midlife-Crisis zu überschatten, hängt dieser sich an die Fersen von Tucker und kommt ihm jeden Tag ein Stückchen näher ...

Im Schritttempo zum Ziel

Das Werk mit Herrn Redford in der Hauptrolle nimmt sich eine gehörige Portion Zeit, um seine Geschichte zu erzählen. In manchen Momenten sogar ein wenig zu sehr. Es gibt immer wieder Szenen, die unnötig wirken und einige Einstellungen, denen etwas zu viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Dadurch entstehen Leerläufe, die hätten vermieden werden können. Das ist zwar schade, tut dem Streifen an sich aber keinen Abbruch.

Trotz dieser Schwäche verfügt "Ein Gauner und Gentleman" nämlich über einen guten Erzählstil, der immer wieder dafür sorgt, dass das Interesse des Zuschauers geweckt und aufrechterhalten wird. Quasi das genaue Gegenteil von James Marshs "Ein letzter Job", welcher am 25. April in die deutschen Kinos kommt und langweiliger kaum sein könnte. Das Gleiche gilt für die Performance der relevanten Figuren.

Wo Michael Caine und Konsorten in dem Konkurrenzprodukt gelangweilt vor sich hin spielen und bereits vom Drehbuch her keine wirklichen Chancen erhalten haben, ihr Talent zur Schau zu stellen, hat Robert Redford nicht nur einen gut ausgearbeiteten Charakter bekommen, nein, er spielt diesen auch mit sichtlichem Vergnügen und einer Menge Selbstbewusstsein. Ich darf behaupten, Herr Redford geht in der Rolle komplett auf. Das macht natürlich Spaß zu sehen, steckt seine gute Laune doch ein Stück weit an.

Die Spannung, was dessen Figur und das Ende des Werks betrifft, hält sich dabei in absehbaren Grenzen. Der Film lebt von seiner kuriosen Geschichte, seinen Handlungsträgern und dem richtigen Händchen, alles miteinander zu verbinden. Nicht von überraschenden Wendungen, einem kitschigen Happy End oder wilden Verfolgungsjagden. Es ist ein ruhiger Streifen, der zwar eine Menge zu erzählen hat, die Handlung jedoch auf die dazu passende Art und Weise dem Publikum präsentiert und nicht auf Gedeih und Verderb.

Mit guten eineinhalb Stunden hat er für das, was es zu sagen und zu zeigen gibt, genau die richtige Länge. Etwas kürzer wäre zwar, wie bereits erwähnt, immer mal wieder wünschenswert gewesen, länger hätte er aber auf keinen Fall sein dürfen. So erfahrt ihr alles, was von Interesse sein sollte, bekommt hier und dort noch eine extra Information und dann flattern auch schon die Credits über die Leinwand.

Zurück in die Vergangenheit

Das biografische Krimi-Drama von Regisseur David Lowery ("Saints - Sie kannten kein Gesetz", "A Ghost Story") versetzt den geneigten Zuschauer in die frühen 1980er Jahre, und zwar in jeglichem Sinne. Denn abseits der vortrefflich gewählten Kulissen, Kostüme und etwaigen Kleinigkeiten, hat auch der technische Aspekt an dem Streifen den Sprung in die Zeitmaschine gewagt. In erster Linie im visuellen sowie audiotechnischen Bereich, jedoch gleichsam darüber hinaus, wenn es um die Details des Filmemachens geht.

"Ein Gauner und Gentleman" setzt auf für die Zeit absolut typische Filter und verwendet sogar eine künstliche Körnung, die den Effekt verstärken soll, dass man einen Film aus entsprechender Ära sieht. Zusätzlich richten sich große Teile der kreativen Fragen an ein Vorgehen, wie es in Hollywood schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr üblich ist. Bildeinstellungen, Kamerafahrten, Schnitt ... All diese Dinge sind großartig gewählt und umgesetzt worden; zumindest für den Zeitraum 1977 - 1984.

Ein jüngeres Publikum, das a) nicht sonderlich viel mit Filmen am Hut und b) aus verständlichen Gründen keine Verbindung zu diesem Zeitabschnitt hat, dürfte mit dem Werk von Lowery wenig anfangen können. Filmliebhaber in allen Altersgruppen und Kinogänger, die sich an die frühen 80er / späten 70er stets mit einem Lächeln erinnern, sollten hier jedoch genau richtig aufgehoben sein.

Danke, Robert

Redford verabschiedet sich mit diesem Film von der Leinwand und tritt seinen wohlverdienten Ruhestand an. Und obwohl seine Schauspielkollegen - wie Sissy Spacek, Danny Glover und Casey Affleck - durchgehend überdurchschnittlich gut agieren, ist es der 82-Jährige, der alle Blicke auf sich zieht. Und das durchaus verdient. Mit einer unglaublichen Portion Charme und einer beneidenswert leichtfüßigen Art seine Parts zu spielen, trägt er den Film fast schon ganz alleine.

Er ist es, der kleinere Fehler im Erzählstil sofort wieder ausbügelt und es dem geneigten Kinozuschauer einfach macht zu verzeihen, wenn eine Szene sich mal ein bisschen zu sehr in die Länge zieht. Ohne ihn wäre dieser cineastische Ausflug vielleicht trotzdem ganz okay geworden, mit ihm ist er aber auf jeden Fall eine mittelschwere Filmempfehlung.

Fazit

Die Geschichte um Forrest Tucker ist spannend, manchmal witzig und durchweg unterhaltsam. Für Liebhaber des Genres, der Zeit, in welchem der Streifen spielt und/oder von Robert Redforfd eine klare Empfehlung von meiner Seite. An mancher Stelle zieht sich David Lowerys Werk etwas zu sehr in die Länge, dieser Umstand wird jedoch fast immer von Redfords schauspielerischer Leistung sowie seinem Charme wieder wettgemacht.

Bewertung: 4/5****

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 26.03.2019