"Fighting With My Family" Filmkritik — Das Märchen der Anti-Diva

  

Dies ist die wirklich wahre Geschichte der Wrestlerin Britani Knight, aka. Paige. Na, ja. Zumindest die für Hollywood geschönte Version. Sagen wir also, dies ist die unterhaltsame, der Realität entliehenen Erzählung, wie aus der semi-professionellen Sportlerin Saraya-Jade Bevis die berühmte Anti-Diva der WWE wurde. Der Film basiert auf der gleichnamigen Dokumentation und wurde unter der Regie von Stephen Merchant ("The Office", "Extras", "Hello Ladies") realisiert.

Fighting with my Family Header Kino US


Wie viel von dem, was ihr in diesem Werk zu sehen bekommt, wirklich der Wahrheit entspricht - vor allen Dingen die Parts, die lediglich auf Paiges Erzählungen basieren - ist fragwürdig und schaut man sich die Karriere und die zugänglichen, privaten Informationen der "Diva of Tomorrow" einmal genauer an, darf davon ausgegangen werden, dass es sich bei "Fighting With My Family" eher um ein schönes Märchen handelt. Dafür aber um ein äußerst Unterhaltsames ...

Von Stars und Sternchen

Paige, hier verkörpert durch Florence Pugh ("The Falling", "Outlaw King", "King Lear"), ist die Tochter eines ehemaligen Kleinkriminellen, der seinen illegalen Job hinter sich gelassen hat und sich nun voll und ganz darauf konzentriert, ein kleines Wrestlinggeschäft in seiner Heimatstadt zu leiten. Dort tritt er, zusammen mit seinem Sohn Zak (Jack Lowden), Tochter Saraya und Ehefrau Julia (Lena Headey), in Showkämpfen auf, nimmt neue Talente in seine Obhut und verdient mehr oder weniger gutes Geld.

Doch für die ganze Familie ist Wrestling mehr als nur ein Geschäft oder ein einfaches Hobby; es ist ihr ganzer Lebensinhalt. Kinder Zak und Paige/Saraya träumen davon, eines Tages in der WWE (World Wrestling Entertainment) kämpfen zu dürfen und als sie eine Einladung in eines der Vorbereitungscamps erhalten, scheint das Glück perfekt. Nur gibt es da einen Haken. Die professionelle Organisation interessiert sich sehr für Töchterchen Paige, von ihrem Bruder Zak wollen sie jedoch nichts wissen.

Im hart umkämpften Ausbildungsprogramm der WWE angekommen merkt Paige schnell, dass sie ganz anders als ihre weiblichen Konkurrenten ist, die hauptsächlich aus ehemaligen Modells und Tänzerinnen bestehen. Sie vermisst ihren Bruder und hofft, dass ihr dieser den Beinaheerfolg nicht nachträgt, während sich das Training selbst als deutlich schwerer entpuppt, als sie im Vorfeld vermutet hätte. Und dann ist da noch Ausbilder Hutch Morgan (Vince Vaughn), von dem sie schwerlich sagen kann, ob dieser ihr helfen oder sie aus dem Programm werfen möchte ...

Fighting with my Family szene

Familientauglich

"Fighting With My Family" wirkt auf den ersten Blick wie einer dieser Filme, die man sich nur als richtiger Fan von Wrestling und der WWE geben kann. Die Wirklichkeit sieht erfreulicherweise ganz anders aus. Ob ihr Ahnung von dem Sport habt oder nicht, spielt in Sachen Unterhaltungswert eine untergeordnete Rolle. Das Werk von Stephen Merchant achtet durchgehend darauf, dem geneigten Publikum genügend Informationen über das Geschäft zu geben, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.

Wie was funktioniert oder funktionieren sollte, wer dort eigentlich wer ist und was verdammt nochmal gerade passiert, wird mit kleinen Kommentaren und kurzen Szenen immer mal wieder aufgeklärt, während es abseits davon und in erster Linie um das Menschliche geht. Um Paige, ihren Traum und wie ihre Familie mit dem Erfolg, beziehungsweise mit dem potenziellen Erfolg, der rockigen Sportlerin umgeht.

Abseits des Wrestlings selbst und der Ausbildung, die Paige, welche später als "The Raven-Haired Renegade" weltweite Bekanntschaft erlangt, durchleben muss, absolviert der Film einen Drahtseilakt zwischen dramatischem Unterton, Komödie und Biografie. Der Schwerpunkt liegt dabei jedoch eindeutig auf dem komödiantischen Unterhaltungswert.

Durch das richtige Spiel aus der chemischen Reaktion zwischen zwei Figuren, lockeren Sprüchen und Situationskomik, verschafft sich der Film die Möglichkeit, das Publikum bei Laune zu halten. Während diese Parts immer mal wieder durch ein bisschen Drama beziehungsweise psychologischen Tiefgang unterbrochen sowie miteinander verbunden werden. Dadurch verfällt die Quasibiografie nicht zu einer reinen Ulknummer, versucht jedoch gleichsam nicht, den Kinogänger unnötig zu Tränen zu rühren.

Besonders bemerkenswert ist, wie es "Fighting With My Family" gelingt, selbst unwichtig erscheinende Charaktere und solche, die vordergründig nur einem einzigen Zweck dienen, vielschichtig darzustellen und sie aus mehr als nur einer Perspektive zu präsentieren. Dem Zuschauer bleibt dadurch die Möglichkeit erhalten, sich a) eine eigene Meinung zu bilden und b) hin und wieder überrascht zu werden.

Fighting with my Family szene 3

Butter bei die Fische

Abseits von all diesen Lobgesängen muss natürlich auch erwähnt werden, dass der Film seine Schwächen hat. Die technischen Aspekte des Werks sind eher durchschnittlich, manch eine Figur dient keinem höheren Zweck, sondern ist einfach nur da und immer wieder gibt es kleinere Leerläufe. Ganz zu schweigen von den vielen Klischees des Genres, die "Fighting With My Family" immer wieder bedient. Außerdem ist die zweite Hälfte des Streifens ein gutes Stück schwächer als der Rest.

Das liegt vor allen Dingen daran, dass sich Regisseur Stephen Merchant, der auch eine kleine Nebenrolle besetzt, hier deutlich mehr Freiheiten herausnimmt, um den Stoff für das große Kino anzupassen. Dies ist auch der Part, wo der dramaturgische Anteil zunimmt und hauptsächlich von Jack Lowden („Krieg und Frieden“, „Dunkirk“, „England Is Mine“), welcher Brüderchen Zak verkörpert, getragen werden muss. Zugegeben, dieser leistet dabei einen wirklich guten Job, was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass der entsprechende Teil der Geschichte recht aufgezwungen wirkt.

Und bevor wir uns nun dem Fazit zuwenden, sei zuvor ein Schauspieler noch lobend erwähnt, der neben dem bereits erwähnten Herrn Lowden eine wirklich überraschend gute Leistung hinblättert. Gerade Vince Vaughn ("True Detective", "Hacksaw Ridge", "Jurassic Park"), von welchem ich auf persönlicher Ebene kein großer Freund bin, spielt seine Rolle als mürrischer, aber irgendwo doch herzensguter Ausbilder, nicht nur wirklich überzeugend, sondern vor allen Dingen facettenreich und ausdrucksstark.

Fazit

"Fighting With My Family" ist ein gut gemachter, äußerst unterhaltsamer Sportfilm, für den man zum einen kein Fan der WWE und Wrestling an sich sein muss und auch keine Erfahrung auf diesen Gebieten benötigt. Ein bisschen Drama, ganz viel Humor und vor allen Dingen interessante, liebenswerte und überraschend vielschichtige Figuren lockern die Geschichte angenehm auf, während die Handlung selbst durchaus spannend ist und teilweise clever, wenn auch klischeebehaftet, erzählt wird.

Der Film hat zwar seine Schwächen, doch werden diese gekonnt überspielt. Als Biografie über die Wrestlerin Paige fragwürdig, als märchenhafte Underdog-Geschichte jedoch höchst empfehlenswert. Wer zudem Fan des Word Wrestling Entertainment oder sogar der "Anti-Diva" selbst ist, hat eigentlich keine andere Wahl, als diesem Film im Kino eine Chance zu geben.

Bewertung: 4/5****

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 01.05.2019