„Gemini Man“ Filmkritik — Will Smith im Doppelpack

  

Am 03. Oktober kommt ein Film von Ang Lee („Life of Pi“, „Brokeback Mountain“, „Tiger & Dragon“) in die Kinos, den nur wenige auf dem Schirm haben und das obwohl der Regisseur eine bekannte Größe im Filmgeschäft ist. „Gemini Man“ erzählt die Geschichte eines professionellen Auftragskillers, der von seiner eigenen Regierung verraten wird und plötzlich um sein Leben kämpfen muss.

Henry Brogan (Will Smith) versucht mit Hilfe der Regierungsagentin Danny Zakarweski (Mary Elizabeth Winstead) herauszufinden, warum es sein ehemaliger Vorgesetzter von heute auf morgen auf ihn abgesehen hat, doch werden seine Versuche, Licht ins Dunkel zu bringen, von einem Attentäter durchkreuzt, der genauso gut ist wie er selbst. Kunststück, handelt es sich bei dem flinken Auftragsmörder schließlich um Henrys Klon ...

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Optisches Neuland

Eine Kombination aus mehreren Ideen hat dazu geführt, dass „Gemini Man“ zumindest aus optischer Sicht ein interessanter Film ist, aber auch ein Anblick, an den man sich erst gewöhnen muss. Zum einen wäre da die Tatsache, dass der Streifen in 120 Bildern die Sekunde gedreht wurde; auch wenn er in Deutschland lediglich in 60 gezeigt wird, da die hiesige Technik mit dieser Wiedergabeform nicht ganz zurecht kommt.

Dies hat zur Folge, dass die Bewegungen oftmals unrealistisch schnell erscheinen, was in erster Linie bei den rasanten Action- und Kampfszenen auffällt. Charaktere in temporeichen Sequenzen neigen dazu entfremdet zu wirken und nicht selten glaubt das Auge, eine ganze Szene würde im Schnelldurchlauf abgespielt werden. Das Bild ist glasklar, keine Frage, doch der gemeine Kinogänger braucht definitiv eine geraume Zeit, sich an den Anblick zu gewöhnen.

Zusätzlich hat Regisseur Ang Lee weitgehend auf die optischen Filter verzichtet, die Hollywood bereits seit Jahren verwendet und die mitunter dazu geführt haben, dass fast alle AAA-Filme so merkwürdig fremdartig, beinahe schon unrealistisch anmuten. Der mutige Schritt gefällt dem durchschnittlichen Kritiker zwar ganz gut, doch hat er für den regelmäßigen TV-Gucker einen Nachteil. Will Smith und Co. wirken stellenweise so, als wären sie Teil einer Dokumentation oder Reality-Show.

Und dann wäre da noch der 3D-Effekt, der sich zwar nicht oft aufdrängt, doch wenn er es tut, dann fast immer in Konversationen. Die Totalen auf Gesichter wie dem von Mary Elizabeth Winstead („Fargo“, „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“) oder Clive Owen (Die Bourne Identität“, „Inside Man“, „Hautnah“) wirken teilweise sehr bedrängend. All diese Faktoren zusammen sorgen dafür, dass „Gemini Man“ sich in Sachen Optik zwar von der breiten Masse absetzt, dies aber nicht immer, sogar selten, im positiven Sinne tut.

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08/15-Kost

Zugegeben, nach einer knappen Stunde hat sich das Auge an die visuelle Darstellungsform weitgehend gewöhnt. Doch stellt sich einem zwangsläufig die Frage, warum man für einen eher durchschnittlichen Actionstreifen wie diesem Werk erst eine Gewöhnungsphase in Kauf nehmen sollte. Denn genau das ist „Gemini Man“: Seichte Kost, die eher durch ihre Optik in Erinnerung bleibt als durch ihre Geschichte.

Für das, was der Film zu erzählen hat, ist er mit knapp zwei Stunden zu lang, wodurch immer wieder unschöne Leerläufe entstehen. Für das, was er dann am Ende doch noch alles erklären möchte, ist er wiederum zu kurz und nimmt sich für wichtige Wendungen zu wenig Zeit, um diese auch glaubhaft darzustellen.

Das Ergebnis ist ein Film, den man gesehen haben kann, aber definitiv nicht muss. Zwei längere und gut inszenierte Actionszenen und ein Will Smith, der schauspielerisch wieder in guter Form ist, gleichen die in die Länge gezogenen Momente dazwischen und das krude Ende nur bedingt aus.

Trotzdem darf und muss vielleicht sogar gesagt werden, dass Ang Lees „Gemini Man“ kein schlechter Film ist. Das Werk ist einfach nur größer als die Geschichte, die es zu erzählen versucht. Dadurch entsteht der unschöne Effekt, dass in den 117 Minuten weniger passiert ist als man meinen möchte und man nicht so viel bekommen hat, wie einem versprochen wurde.

Will Smith in jung

Und dann wäre da noch der Klon von Protagonist Henry Brogan. Dieser ist eine deutlich jüngere Version von Will Smith, die komplett am Computer erschaffen wurde, also nicht einfach nur den Darsteller künstlich verjüngt. Die Technik hat in diesem Bereich definitiv große Schritte gemacht, denn der Junge aus dem PC sieht überraschend echt aus, der „Uncanny Valley“-Effekt hält sich stark in Grenzen.

Mit diesem Effekt ist eine Akzeptanzlücke gemeint, die entsteht, wenn dem Zuschauer künstlich erschaffene Figuren präsentiert werden. Bis zu einem gewissen Grad finden wir Gefallen an den Robotern, CGI-Figuren und anderen vorgestellten Trägern, doch sehen diese zu realistisch aus, gleichzeitig jedoch augenscheinlich artifiziell, schreckt dies die meisten ab.

Erst, wenn diese Figuren so real aussehen, dass sie von einem echten Menschen kaum noch unterschieden werden können, nimmt der Effekt ab und wir sind wieder bereit, das Dargestellte zu akzeptieren. So waren viele mit der künstlich erschaffenen Leia in „Rogue One: A Star Wars Story“ nicht allzufrieden, sollten bei dem jungen Smith jedoch selten Ansatz zum Motzen haben.

Nun, ja. Zumindest so lange, bis dieser sich auf sein Motorrad schwingt und in 60 Bildern die Sekunde durch eine Stadt brettert. Dann verschwimmt seine Gestalt und vor allem seine Details vor dem Auge des Kinozuschauers und der eben erwähnte Effekt tritt wieder auf.

Fazit

Ang Lees „Gemini Man“ ist visuell ein interessantes Werk und jeder, für den Kino mehr ist als der Versuch etwas Zeit totzuschlagen, sollte sich den Film einmal auf der großen Leinwand angesehen haben. Wer einfach nur oberflächlich unterhalten werden mag, kann ebenfalls Spaß mit dem Streifen haben, auch wenn sich dann die Frage stellt, ob die Optik nicht eher abschreckend ist als wirklich attraktiv. Doch lasst euch nicht täuschen, mehr als seichte Kost mit einigen guten Actionszenen ist der Film nicht; wer mehr erwartet ist hier falsch.

Bewertung: 3/5***

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 01.10.2019