"Glass" - Die spoilerfreie Filmkritik

  

Bereits im Jahr 2000, als der Film "Unbreakable" in den Kinos anlief, hat Plot-Twist-Magier M. Night Shyamalan verkündet, dass er eine Trilogie anstrebt. Nichtsdestoweniger hat es 17 Jahre gedauert, bis der zweite Teil der Reihe, "Split", das Licht der Welt erblickt. Nun, 2019, wird es Zeit für den Abschluss der Comichelden-Saga. In "Glass", welcher bei uns am 17. Januar anläuft, treffen die Übermenschen Kevin Wendell Crumb (James McAvoy), David Dunn (Bruce Willis) und Elijah Price (Samuel L Jackson) endlich aufeinander ...

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Zerbrechlicher Plot

Ich möchte euch an dieser Stelle gar nicht mit den Details der Handlung nerven, zum einen, da viele Leser sich überraschen lassen wollen, zum anderen, weil es nicht weiter von Nöten ist. Was ihr wissen müsst, ist lediglich, dass in dem Abschluss dieser Trilogie die Figuren der ersten beiden Teile miteinander zu tun haben. Viel mehr von Belang ist jedoch die Frage nach der Qualität dessen, was ihr zu sehen bekommt und der Notwendigkeit, dieses Schauspiel miterlebt zu haben.

"Unbreakable" war damals ein überraschend guter Film, obwohl, oder gerade, weil es sich dabei um Comicheftchen und ihrem Bezug zur Realität handelte. "Split" aus dem Jahr 2017 wiederum lebte vor allen Dingen durch seine dichte Atmosphäre und die schauspielerische Leistung des James McAvoy ("Band of Brothers", "X-Men: Erste Entscheidung", "Abbitte"); die Qualität von Plot und Erzählstil ließen dafür zu wünschen übrig.

"Glass" vereint nun diese beiden Werke. Nicht nur im Zusammen- und Weiterführen der zwei Vorgängergeschichten, sondern auch im Sinne der qualitativen Umsetzung. Tatsächlich mutet Shyamalans Film wie eine Vereinigung von "Unbreakable" und "Split" an, hat sich die Stärken zunutze gemacht, jedoch die Schwächen ebenfalls mit übernommen. Im Klartext heißt das, "Glass" lebt von dem Talent einiger Darsteller und einer generell intelligenten Grundidee, scheitert dafür bei dem Versuch, diese entsprechend in Szene zu setzen.

Das gesamte Werk arbeitet auf bestimmte Schlüsselszenen und ein ausgeklügeltes Ende hin, doch hat der Regisseur von "The Sixth Sense" dabei vergessen, das Konstrukt um die Kernidee herum gleichermaßen auszuarbeiten. Die Folge sind leichte bis mittelschwere Logikfehler, Wiederholungen, die der Handlung keinen Mehrwert einbringen und äußerst fragwürdige Detailentscheidungen. Oder anders ausgedrückt: "Glass" ist bisweilen langweilig und ziemlich einfallslos, um nicht zu sagen faul in seiner Umsetzung.

Glass

Müde Ideenschmiede

Diese Einschätzung der cineastischen Qualität bezieht sich jedoch nicht nur auf das Drehbuch, sondern auch auf etliche Fragen im Bereich der Regie und vor allen Dingen auf die Art, wie die drei Hauptfiguren im Film eingesetzt werden. So scheint es bisweilen, dass James McAvoy lediglich vor Ort ist, um a) die Geschichte voranzutreiben und b) eindrucksvoll zwischen seinen vielen Persönlichkeiten zu wechseln. Im Fall von Punkt 2 wurden gleich drei Szenen in den Film geschrieben, die einzig und allein diesem Zweck dienlich sind.

Gleichsam werden Samuel L. Jackson ("Pulp Fiction", "Django Unchained", "Jackie Brown") und Bruce Willis ("Stirb langsam", "Sin City", "12 Monkeys") zu sehr vernachlässigt, was sich negativ auf ihren Part in dem Stück sowie die Glaubwürdigkeit ihrer Persona auswirkt. Zwar wird durchaus vermittelt, welche Tragkraft die entsprechenden Charaktere für die Ereignisse haben, doch gelingt es Shyamalan nicht, diesen Umstand auch plausibel zu erklären.

Talente losgelöst

Der Film "Glass" beginnt mit einer eher schwachen Darbietung seitens Bruce Willis', was teils am Drehbuch und andererseits an der spürbaren Lustlosigkeit des gealterten Actionstars liegt. Nach eher schwer verdaulichen Entscheidungen im Bereich der Kameraarbeit und einer Wendung im Plot, die Fragen aufwirft, die später nicht beantwortet werden, verschiebt sich die Gewichtung auf McAvoy und seine Verkörperung des Kevin Wendell Crumb.

Dessen Talent, blitzschnell zwischen verschiedenen Charakteren hin- und herzuwechseln, verliert leider rasant an Attraktivität, da diese Fähigkeit in zu schneller Folge und zu ausgiebig ausgenutzt, ja, beinahe schon gemolken wird. So profitiert ein großer Teil von "Glass" nicht von einer dichten Atmosphäre oder einer steilen Spannungskurve, sondern beinahe ausschließlich von dem Vermögen eines einzelnen Schauspielers, einen guten Job zu machen.

Und zum Schluss übernimmt vermehrt Mr. Jackson das Ruder, dessen Talent leicht vergeudet wirkt. Die Begabung und Erfolge seiner Figur wurden stärker im Drehbuch ausgearbeitet als der Charakter, den er spielt, selbst.

Unterbrochen werden alle drei Darstellungen von Sarah Paulson ("American Horror Story", "Carol", "Die Verlegerin") - welche die drei Hauptakteure zusammenbringt - und den scheinbaren Schlüsselfiguren, die sich mit ihnen verbunden fühlen. Die Anwesenheit Letzterer tut für den Film kaum bis nichts zur Sache, ist zusätzlich eher schwach geschrieben und könnte daher eigentlich auch komplett gestrichen werden.

Alles hat ein Ende

So steif wie „Glass“ über längere Strecken den Anschein erweckt, auf Gedeih und Verderb ein bestimmtes Ende erreichen zu wollen, so gezwungen wirkt dieses letztendlich auch, ebenfalls mit dem Blick auf ein einziges, festgelegtes Ziel. Darunter zu leiden hat, neben jedem Kinogänger mit etwas Anspruch, die Logik dessen, was zuvor zu sehen war und die Qualität des Abschlusses selbst. Überraschend mag der eine oder auch andere Part im letzten Fünftel durchaus sein, aber sind Wendungen, die jeder Logik trotzen, das nicht stets?

Fazit

Was letztendlich im Kino bestaunt werden kann, sind einige gute Ideen im Grundkonzept, ein durchaus gelungener Einsatz von gewissen Schauspielern in manch einer Schlüsselszene und zumindest ein relativ akzeptables, durchaus konsequentes Ende für zwei beliebte Filme. Abgesehen davon hat sich Regisseur Shyamalan nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. "Glass" ist eher ein zweckdienlicher Film, eine Ausrede, um das Finale zeigen zu können, welches dem Filmemacher seit Jahren gegen die Schädeldecke klopft.

Mit einem zugedrückten Auge und den Gehirnwindungen weitgehend auf Durchzug geschaltet, kann der Film stellenweise genossen werden, doch ist dafür Arbeit von Seiten des Kinogängers erforderlich. Wer sich zu viele Gedanken macht, das Gesehene in Einzelteile zerlegt und/oder einen gehobenen Anspruch in Sachen logischer Verkettung an den Tag legt, dürfte über weite Stellen Probleme damit haben, Gefallen an diesem Machwerk aufzubauen.

PS: Ja, Shyamalan, wir haben die vielen Anspielungen auf die Kernthematik von „Glass“ gesehen und verstanden. Qualität, nicht Quantität, bitte.

Bewertung: 3/5***

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 15.01.2019