„Joker“ Filmkritik - Ein Film, den nur Kritiker hassen können

  

Am 10. Oktober kommt mit „Joker“ die Origin-Geschichte des wohl beliebtesten DC-Antagonisten aller Zeiten in die Kinos. Regie führt dabei überraschenderweise Todd Phillips, der in erster Linie für die Hangover-Reihe bekannt ist. In die Hautprolle des Clownprinz des Verbrechens schlüpft Multitalent Joaquin Phoenix, der bereits dreimal für einen Oscar nominiert war und einen Golden-Globe für seine Rolle in „Walk the Line“ einsacken konnte.

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Kritiker auf Kriegsfuß

Filmkritiker weltweit haben einen scheinbaren Spaß daran, einen Film umso misstrauischer und negativ voreingenommener zu betrachten, umso mehr Lob und Liebe dieser bereits im Vorfeld erfahren hat. Nach Standing Ovations und vielerlei Liebeserklärungen gegenüber Todd Philips‘ „Joker“ war dem Pessimisten klar, dass solche sich zu Wort melden würden, die dem Film keine echte Chance geben wollen.

So bemängeln gewisse Stimmen nun, dass die DC-Origin-Geschichte auf zwei Werken von Regisseur-Legende Martin Scorsese beruht, aber keiner von beiden das Wasser reichen kann. Auch wenn sich die Filme nur schwerlich miteinander vergleichen lassen. Dass Nebenfiguren nicht zur Genüge ausgearbeitet wurden und die Atmosphäre einer brodelnden Stadt nicht ordentlich zur Geltung kommt. Kleine und große Fehler wurden entdeckt, kopfschüttelnd missverstanden und genervt abgestempelt.

Da wurden voller Selbstvertrauen Verknüpfungen geschaffen, die sich schlichtweg als falsch herausgestellt haben. Fassaden wurden durchschaut, die es gar nicht gibt und Schultern wurden im Glanz des eigenen Einfallsreichtums geklopft, die einem selbst gehören. Und das alles nur, weil eine Comicverfilmung eben kein Meisterwerk sein kann; schlichtweg nicht sein darf.

DC und Drama

Was wie ein Konflikt unter Kollegen wirken mag, ist in Wirklichkeit nur eine Warnung. „Joker“ erwartet von dem geneigten Zuschauer, dass dieser gewillt ist, sich in den Protagonisten hineinzuversetzen, aber nicht alles zu hinterfragen, was ihm dienlich ist. Die Handlung folgt einzig und allein der Figur des Interesses, alles andere ist oftmals nebensächlich, zweckdienlich und manchmal bestenfalls vorhanden.

Um die Geschichte zu genießen, und ich benutze den Begriff hier recht freizügig, ist ein bestimmtes Maß an Empathie notwendig. Ein fokussierter Blick, der beim Wesentlichen bleibt, während man bereit dazu ist, sich auf etwas einzulassen, das früher oder später sauer aufstoßen wird. Aber nicht, weil die Erzählung sich in wildem Wirrwarr verheddert, sondern weil es einfach nicht schön ist, sich mit einer Person verbunden zu fühlen, die auf so vielen Ebenen so unangenehm ist.

Der Fokus, nein, eigentlich der Schwerpunkt des ganzen Werks, liegt auf dem Charakter von Joaquin Phoenix. Wie er beeinflusst wird, wie er sich entwickelt, lebt, sich verändert, was er wird und schlussendlich ist. Was zu den Veränderungen geführt hat, wer daran beteiligt war und warum sein Verstand ist, wie er ist. Wer diesen Grad des Details von jedem Eckpfeiler des Streifens erwartet, statt ihn bei der Hauptfigur wertzuschätzen, bezeichnet wahrscheinlich auch heute noch „2001: Odyssee im Weltraum“ als den besten Film, der je gedreht wurde ...

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Der Clownprinz des Verbrechens

Es ist ein schweres Werk, voller Melancholie, Wahnsinn und der Suche nach der Menschlichkeit. „Joker“ ist nicht per se ein fantastischer Film, sondern eine Produktion, die Zuschauer verlangt, die mehr wollen als einen schnellen Rausch und oberflächliche Unterhaltung. Stattdessen soll der geneigte Kinogänger versuchen, mitfühlend zu sein. Sich von Trauer wie von Hass mitreißen zu lassen und Hauptdarsteller Joaquin Phönix das Steuer zu überlassen,

Wer dazu bereit ist, wird es nicht bereuen. Der Schauspieler lässt jegliche Bausteine von „Joker“ um sich herumwirbeln, wie Blätter im Wind. Nebendarsteller, Hintergrundinformationen, Bild, Ton, ja, einfach alles, dreht sich um den zukünftigen Clownprinz des Verbrechens. Und Phoenix haucht diesem auf eine Art Leben ein, die Sympathie und Abscheu Hand in Hand in einem Garten aus morbider Neugier tanzen lässt.

Wir begleiten ihn die ganze Zeit. Vom geschlagenen Außenseiter, der seinen Platz sucht und um Anerkennung sowie Liebe kämpft, bis hin zu dem anarchistischen Monster, dass der Welt die Antwort auf eine Frage gibt, die nie gestellt wurde. Zumindest nicht laut ausgesprochen. Die Formen dazwischen, die langsame Verschiebung der Extreme, wird von dem US-amerikanischen Schauspieler so gelungen dargestellt, dass man es seiner Figur fast schon gönnt, wenn diese endlich aus ihrem psychologischen Käfig ausbricht und ihrem Wahnsinn freien Lauf lässt.

Die Lache des Phoenix

Joaquin Phoenix hat einen so guten Job gemacht, dass es durchaus in Ordnung scheint, über den gesamten Artikel hinweg nur über ihn zu schreiben. Das wäre dem Film gegenüber zwar nicht fair, und auch nicht gegenüber dem Regisseur, dem Kameramann und allen anderen, die formidable Arbeit geleistet haben, doch wäre es in gewisser Weise ehrlich. Schließlich trägt der Hauptdarsteller das Werk nicht nur, er beflügelt es, lässt es leben, atmen. Und nimmt den Zuschauer gleichzeitig auf eine Reise mit, um die er nie gebeten hat.

Das beginnt bei Phoenix‘ Mimik, bewegt sich über die gesamte Bandbreite seiner Körpersprache, seiner Art zu reden und natürlich seiner markanten Lache. Die entweder gequält, traurig und herzzerreißend falsch klingt oder eben erschreckend böse, an die Synchronrolle von Mark Hamill erinnernd und die Schlucht zwischen ihm und einen als gesund geltenden Menschen hervorhebend.

Und obwohl es sich bei „Joker“ um ein reines Drama handelt, welches weitgehend auf Stilmittel typischer Comicverfilmungen verzichtet, schaffen es alle Beteiligten, die Figur so darzustellen, dass sie von Neulingen des Universums genossen und gleichzeitig von DC-Fans wiedererkannt werden kann. Dieser Joker ist anders, neu, fast schon jungfräulich, und doch der gleiche grünhaarige Mistkerl, den wir so lieben und hassen.

Fazit

„Joker“ mag nicht das Meisterwerk schlechthin sein, doch ist es ein guter, ernster und technisch einwandfreier Film, der mit einem enorm starken Hauptdarsteller aufwartet und sich zusätzlich eine Menge traut. Für das, was der Streifen sein will und das, was er letztendlich ist, kommt für mich nur eine Höchstwertung in Frage. Sicher, wer Empathie als anstrengend empfindet und/oder gerne eine vierstündige Vorstellung hätte, in der jedes Detail bis zur Schmerzgrenze ausgearbeitet wird, kann mit der Brechstange der Negativkritik ansetzen. Ich konnte und wollte das nicht, war stattdessen begeistert und habe mich von meiner alten Ansicht getrennt, dass die Figur des Joker keine Hintergrundgeschichte haben darf.

Bewertung: 5/5*****

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 28.09.2019