"Mary Poppins' Rückkehr" Filmkritik - Die perfekte Fortsetzung

  

Das Spiel mit der Nostalgie beherrscht Walt Disney meisterlich. Nicht nur züchtet sich die Traumschmiede Jahr für Jahr neue Fans unter unseren Jüngsten heran, zusätzlich werden treue Anhänger alternder Produktionen stets mit vielversprechenden Neuauflagen bei der Stange gehalten. Neben dem Trend, alten Meisterwerken als Live-Action-Adaption frisches Leben einzuhauchen, wird auch das Fortsetzen von Klassikern zu einem immer beliebteren Mittel, die Kinokassen mit Zuschauermassen zu überschwemmen.

Mary poppins 2 Kinostart Header DE

Mary Poppins kehrt nach fünfzig Jahren zurück auf die Leinwand

Dieses Mal ist es Mary Poppins, die nach über fünfzig Jahren zurück auf die Leinwand kehrt. Doch entgegen den Aussagen einiger böser Zungen handelt es sich bei diesem Sequel um keine Produktion, die lediglich erschaffen wurde, um ein paar eisernen Fans das wohl verdiente Geld aus der Tasche zu stibitzen, wie man es dank manch einer Direct-to-DVD-Fortsetzung durchaus glauben könnte. Stattdessen bemüht sich der Konzern und Regisseur Rob Marshall ("Chicago", "Pirates of the Caribbean: Fremde Gezeiten", "Into the Woods") sichtlich, den Zauber des Erstlingswerks erneut einzufangen.

Zum Plot

Wir schreiben das Jahr 1930. Michael (Ben Whishaw) und Jane Banks (Emily Mortimer), die Kinder aus dem Original, sind längst erwachsen geworden und Erstgenannter hat mittlerweile seine eigene Familie. Doch nach dem Tod seiner Frau weiß dieser nicht mehr ein und aus. Er verliert den Sinn für das hier und jetzt, und obwohl er ein guter, liebender Vater ist, gleiten ihm die wichtigen Dinge des Lebens einfach so durch die Hände. Nach einigen verpassten Zahlungen will die Bank ihm nun das geliebte Familienhaus wegnehmen.

In diesen schweren Zeiten passiert etwas recht Unerwartetes. Mary Poppins (Emily Blunt), seit damals keinen Tag gealtert, kehrt zurück und übernimmt prompt erneut die Rolle des Kindermädchens. Für Nachwuchs Annabel (Pixie Davies), Georgie (Joel Dawson) und John (Nathanael Saleh) ist die strenge, doch überaus herzensgute Dame ein Quell der Inspiration. Mit ihren magischen Tricks und ungewöhnlichen Ansichten lehrt sie den Banks-Kindern spielend und mit einem Lied auf den Lippen manch eine Lektion in Sachen Leben.

Doch wie schon Jahre zuvor ist es nicht die nächste Generation, die gerettet werden muss, sondern Vater Michael.

Neue Lieder

Mary Poppins, 1965 noch durch Julie Andrews ("The Sound of Music", "Der zerrissene Vorhang", "Plötzlich Prinzessin") verkörpert, übernimmt dabei wieder einmal den Part der mysteriösen Reisebegleiterin. Sie hilft den Kindern, über den Verlust ihrer Mom hinwegzukommen, leitet Vater Michael subtil auf den richtigen Weg zurück und löst alltägliche Probleme mit Spaß, Spiel und Gesang. Doch genau wie im Vorgänger vergisst sie nie den Ernst des Lebens.

Rob Marshalls Werk setzt dabei auf den puren Nostalgiefaktor. Der gesamte Film wurde nach Vorbild des Originals entworfen. Das gilt für Bild, Animationen und Kostüme genauso wie für den generellen Aufbau, Humor und dem lehrreichen Unterton. Natürlich hat sich die Technik seit der damaligen Zeit enorm verbessert und Walt Disney nutzt diesen Umstand entsprechend aus, doch schafft es die Firma mit der Maus ebenfalls, den Zuschauer diese Tatsache vergessen zu lassen.

Wer das Erstlingswerk eine geraume Weile nicht mehr gesehen hat, kann, und das auch noch ziemlich einfach, dem Irrglauben verfallen, die zwei Filme sähen sich erschreckend ähnlich. Dabei wurde hier mit den modernsten Tricks gearbeitet, eben nur, um genau diese Illusion zu erzeugen. Klar, haltet ihr beide Werke nebeneinander, fällt euch der Zeitunterschied schneller auf als ein Suchscheinwerfer im dunklen Wald. Doch in der Erinnerung vermischen sich die zwei cineastischen Ausflüge zu einem einzigen, zusammenpassenden Erlebnis.

Untermalt wird dieser Effekt durch die Leistung der Schauspieler Emily Blunt ("Sicario", "Edge of Tomorrow", "Looper") und Lin-Manuel Miranda. Erstere, da sie eine fast perfekte, jedoch zeitlich angepasste Kopie von Julie Andrews Version zum Besten gibt. Und Miranda, da er der passende Ersatz für Bert (Dick Van Dyke) ist und zusätzlich als Bindeglied zwischen den Filmen fungiert.

Entstanden sind dabei zwei recht differenzierte Produktionen, die gleichzeitig außer Frage lassen, dass sie zusammengehören.

Der größte Unterschied zwischen dem Werk von 1965 und "Mary Poppins' Rückkehr" besteht in der Herangehensweise, ein jüngeres Publikum anzusprechen. Niemand muss (oder will sogar) heute noch hören, wie leicht sich Medizin mit Zucker einnehmen lässt, dass man obdachlosen Menschen ruhig einmal helfen darf und wie schön es ist, einfach mal albern zu sein. Stattdessen orientieren sich Erziehungsmethoden und Songs eher an einem Publikum, welches mit entsprechenden Lehren bereits zur Genüge zugedröhnt wurde.

MaryPoppinsRuckkehr

Handlung inklusive

Das Sequel zu Mary Poppins hat sich also der Moderne angepasst, ohne Zeit und Raum der originalen Handlung zu verlassen. Geschickt wurden hier die Grundelemente des ersten Teils mit Ansichten heutiger Tage verbunden. Einzig unberührt blieb von dieser Vorgehensweise der Plot, welcher zwar vorhanden ist, jedoch schnell in den Hintergrund rückt. Die Handlung in "Mary Poppins' Rückkehr" ist mehr ein Mittel zum Zweck.

In erster Linie geht es darum, alte und neue Generationen gleichermaßen zu befriedigen, dem geneigten Kinozuschauer das zu geben, was er oder sie sich ersehnt, je nach Alter und Vorerfahrung in Sachen magisches Kindermädchen. Dies ist Rob Marshall auf ganzer Linie gelungen. Der Charme der alten Tage wird geschickt eingefangen, der Anstrich zwar erneuert, jedoch ohne sich aufzuzwingen oder aus dem Werk etwas gänzlich Neues zu machen.

Viel mehr gibt es zu diesem Film auch nicht zu sagen. Zumindest nicht, ohne zu sehr ins Detail zu gehen und euch wohlmöglich mit vorweggenommenen Szenen den Besuch im Kino zu ruinieren. Alles, was ihr an dieser Stelle wissen müsst, ist, dass "Mary Poppins' Rückkehr" ein würdiger Nachfolger ist, der gleichsam auf eigenen Beinen stehen kann (und das auch noch sehr gut), während er seinen Vorgänger in allen Ehren hält.

„Mary Poppins‘ Rückkehr“ (im Original: Mary Poppins Returns) läuft am 20. Dezember 2018 in den deutschen Kinos an.

Fazit

Es wäre zu viel der Liebe, "Mary Poppins' Rückkehr" als perfekten Film zu bezeichnen. Doch es ist ein perfekter Nachfolger, vor allem in Hinsicht auf die fünf Jahrzehnte, die zwischen den beiden Werken liegen. Geschickt hat es Disney geschafft, den Charme des Originals einzufangen und der heutigen Zeit anzupassen. Ohne unnötige Kompromisse, Anbiederung an gewisse, potenzielle Abnehmer oder experimentelle, neue Herangehensweisen.

Bewertung: 4/5****

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 12.12.2018