„Once Upon A Time In... Hollywood“ Filmkritik

  

Am 15. August 2019 erscheint in den deutschen Kinos der neunte Film von Regisseur Quentin Tarantino, der weder unvollständig ist oder bei dem er lediglich Teilregie übernommen hat. Das Werk heißt "Once Upon A Time In... Hollywood" und ist eine Mischung aus Drama und Komödie, die sich zum Teil mit den Morden der Manson Family beschäftigt.

Once Upon a Time in Hollywood-Header Kinostart DE

Hauptsächlich dreht sich die Geschichte jedoch um den ehemaligen Serienstar Rick Dalton, gespielt von Leonardo DiCaprio, welchem es in den späten 1960er Jahren schwerfällt, weiterhin in Kino und Fernsehen präsent zu sein. Sein Stern ist ein absteigender und wäre da nicht sein Stuntdouble und bester Freund Cliff Booth (Brad Pitt), er hätte vielleicht schon längst das Handtuch geworfen.

Wie der Titel bereits andeutet, ist der ganze Streifen als eine Art Märchen zu verstehen. Wir erinnern uns: Quentin Tarantino neigt dazu, reale Ereignisse der Vergangenheit durch Versionen auszutauschen, die ihm besser gefallen, beziehungsweise die er als filmische Rache für die grausame Realität sieht. Der farbige Mann rächt sich an den Sklavenbesitzern, der französische Widerstandskämpfer schießt Adolf Hitler das Gesicht weg und so weiter und so fort.

Hier geschieht etwas ganz Ähnliches, doch will ich euch nicht den Spaß rauben, den Kern der Sache selbst herauszufinden.

Technik > Handlung

Aus technischer Sicht ist „Once Upon A Time In... Hollywood“ ein Meisterwerk. Anders kann man es kaum ausdrücken. Von der Kulisse, über die Kostüme und der Musikuntermalung, bis hin zu den Bildeinstellungen, Kamerafahrten und dem Schnitt. Egal, welchen Aspekt man betrachtet, der neue Film von Tarantino zeigt, wie unglaublich begabt der US-amerikanische Filmregisseur ist.

Er fängt nicht nur die späten 1960er/frühen 1970er Jahre gekonnt ein, gleichzeitig kopiert er manch eine Show, Serie und Filme der besagten Zeit so gut, dass selbst alte Cineastenhasen den Unterschied zum Original nur schwer erkennen können. Der Regisseur von Werken wie „Reservoir Dogs“, „Kill Bill“ und „The Hateful Eight“ beweist in fast drei Stunden ein beneidenswertes Gespür für die Filmkunst.

Was dabei jedoch auf der Strecke blieb, ist eine richtige Geschichte. Eine solche ist quasi kaum bis gar nicht vorhanden. Stattdessen wirken die beiden Hauptfiguren, Cliff und Rick, als so etwas wie die Augen und Ohren der Zuschauer, um jene durch die Ereignisse zu führen, ohne selbst großartig Teil dessen zu sein, was wir erleben sollen.

Es gibt keinen wirklichen Anfang und auch kein echtes Ende. Es gibt lediglich einen Ausschnitt aus dem Leben der zwei Männer, der zu einem bestimmten Punkt führt und auf dem Weg dorthin mit Humor und unerwarteten Wendungen das Interesse des geneigten Kinogängers aufrechterhält.

Die Handlung ist eine reine Nebensächlichkeit in diesem Märchen. Sie existiert nur, um mehreren Szenen Existenzberechtigung zu verleihen und nicht, um eine solide, durchgehende Geschichte zu erzählen. In erster Linie geht es darum das hervorzuheben, was Tarantino euch eigentlich zeigen möchte. Und zwar seine Liebe zum Film und sein Verständnis von der Materie.

Wer sich nicht als Filmkenner bezeichnen kann, wird mit dem Drama Probleme bekommen, denn quasi jede Einstellung, jede Begegnung und jede eingeschobene Nebenhandlung dient nur dem Zweck, der hohen Kunst des Filmemachens Tribut zu zollen. Nicht umsonst hat Tarantino seine Fans im Vorfeld aufgefordert, notfalls ein paar Klassiker aus der Zeit nachzuholen.

Once Upon a Time in Hollywood

Hoch zu Ross

Diese Vorgehensweise macht „Once Upon A Time In... Hollywood“ leider nicht zu einer brillanten Aneinanderreihung von bedeutungsschwangeren Szenen, sondern lediglich zu einer durchgehenden Selbstbeweihräucherung. Der Regisseur und Drehbuchautor des Films hat hier ziemlich eindeutig etwas für sich selbst geschaffen und jeder, der seine Werke vorbehaltlos mag, ist willkommen es zu bewundern. Alle anderen sind sowieso nicht das Zielpublikum.

Inhaltlich ist seine Kreation wie ein fast dreistündiger Fiebertraum eines Cineasten, der die Dinge verbiegt, streckt und dehnt, bis sie ihm passend erscheinen. Manche Figuren der Vergangenheit können dabei ruhig fragwürdig dargestellt werden, während andere wie Engel wirken, die den Boden kaum mit ihren Zehenspitzen berühren. Je nachdem, wie Tarantino die entsprechende Person selbst wahrnimmt und möchte, dass sie vom Publikum wahrgenommen wird.

Eines der größten Probleme an diesem Film ist jedoch Tarantinos Überheblichkeit, die sich in seinen Hilfsmitteln widerspiegelt. Während er es für unnötig hält, „Once Upon A Time In... Hollywood“ in irgendeiner Form für solche zugänglich zu gestalten, die einfach nur unterhalten werden möchten, traut er ihnen gleichzeitig nicht zu, selbst denken zu können.

Während in Sachen Filmgeschichte Anspielungen, Easter Eggs und visuelle Zeitreisen also unerklärt bleiben und sich nur solchen offenbaren, die bereits eingeweiht sind, werden alle anderen Elemente überdeutlich dargestellt und dem Zuschauer beinahe schon aufs Auge gedrückt. Die Kamera, die so lange den Fokus auf einem Objekt hält, bis es auch der letzte Tagträumer in der hintersten Reihe verstanden hat oder der Pfeil, der noch einmal klar macht, was jedem aufmerksamen Kinogänger längst bewusst sein dürfte.

QT9_R_00180_700

Schauspielerische Meisterklasse

Was ihr letztendlich bekommt, ist Quentin Tarantino, der euch einen Film von Quentin Tarantino empfohlen hat. Während ihr von Quentin Tarantino, der neben euch sitzt, durchgängig daran erinnert werdet, wie viele tolle Ideen der Regisseur hat und wie gewitzt er sie einbauen konnte. Solltet ihr verstehen, was auf der Leinwand passiert, ist dies schön für euch. Tut ihr das nicht, habt ihr zumindest noch einige witzige Szenen und vor allem ganz große Schauspielkunst, die euch die Zeit im Kino versüßen.

Die Leistung der anwesenden Akteure ist nämlich durchgehend auf höchstem Niveau. Sowohl Leonardo DiCaprio als auch Brad Pitt und vor allen Dingen Margot Robbie spielen so gut, dass es fast schon egal ist, dass „Once Upon A Time In... Hollywood“ eher eine Liebeserklärung ans Filmemachen und die späten 1960er Jahre ist (gemischt mit einer gehörigen Portion Selbstverliebtheit von Seiten des Regisseurs) und weniger das, was man wirklich als Spielfilm bezeichnen kann.

Fazit

Aus technischer Sicht ist „Once Upon A Time In... Hollywood“ ein Meisterwerk, an dem es nichts zu meckern gibt. Die schauspielerische Leistung ist zudem auf höchstem Niveau, und wenn ihr euch selbst als Cineasten seht, habt ihr wahrscheinlich eine Menge Freude mit diesem Mix aus Drama und Komödie. Der Erzählstil des Werks lässt über weite Strecken jedoch zu wünschen übrig, während das, was hier als Handlung bezeichnet wird, nicht mehr und nicht weniger ist als ein Transportmittel für all das, was Tarantino schon immer mal umsetzen wollte.

Bewertung: 3/5***

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 29.07.2019