Spider-Man: Far From Home - Die spoilerfreie Filmkritik

  

Die drei ursprünglich geplanten Phasen des Marvel Cinematic Universe finden nun endlich zu einem Abschluss. Jedoch nicht wie lange erwartet mit dem letzten Teil der Avengers-Filme und der damit verbundenen Niederlage von Thanos, sondern stattdessen in Form des zweiten Abenteuers unserer freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft. Tom Hollands Rückkehr im Latexanzug zeigt sich dabei überraschend pfiffig, unterhaltsam und stellenweise erstaunlich clever.

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Spider-Man: Far From Home“ kommt am 04. Juli in die deutschen Kinos und bringt, wie bereits angeschnitten, die ersten drei Phasen des MCU zu einem Ende. Weiter geht es erst am 01. Mai 2020 mit dem Soloabenteuer von Black Widow, im gleichnamigen Film. Ob es sich dabei wirklich um Phase 4 handelt oder die Bezeichnung noch geändert wird, ist bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt.

Zum Erzählstil

Um der Handlung im neuen Spider-Man-Abenteuer folgen zu können, müsst ihr nicht zwangsweise alle Werke des MCU gesehen haben. Doch ohne den Vorgänger und die Ereignisse aus „Avengers: Endgame“ werdet ihr an vielen Stellen wohl nur Bahnhof verstehen und euch zudem einige relevante Szenen aus den eben erwähnten Vorgängerfilmen spoilern. „Far From Home“ baut nämlich auf diesen auf und geht quasi davon aus, dass ihr auf dem aktuellsten Stand seid.

Beim Erzählstil und der Handlung im Allgemeinen lassen sich die Schöpfer um Regisseur Jon Watts („Clown“, „Spider-Man: Homecoming“) und Drehbuchautor Steve Ditko reichlich Zeit, jedoch nicht im negativen Sinne. Der geneigte Zuschauer wird in die Welt, die sich für Peter nach den Geschehnissen in „Endgame“ deutlich verändert hat, eingeführt und auf die kommenden Ereignisse vorbereitet.

Was der Film in der ersten Hälfte an Action und anderweitig rasanten Szenen einspart, gleicht er gekonnt durch clevere Charakterentwicklung, viel gut pointierten Humor und hohe Schauspielkunst aus. Vor allen Dingen die Chemie zwischen Hauptdarsteller Tom Holland („The Impossible“, „Die versunkene Stadt Z“, „Im Herzen der See“) und Jake Gyllenhaal („Prisoners“, Nicghtcrawler“, „Donnie Darko“), welcher hier Quentin Beck, aka. Mysterio spielt, ist fantastisch.

Die zwei Darsteller harmonieren wunderbar miteinander und das in allen Situationen. Gyllenhaal versteht es erstklassig, sich seinem jüngeren Kollegen anzupassen und diesem immer wieder den Ball zuzuspielen. Die Chemie, die die beiden Akteure bereits in diversen Interviews zum Besten gegeben haben, spiegelt sich in ihrem Schauspiel wider und macht Szenen mit ihnen zu einem unterhaltsamen wie befriedigenden Erlebnis.

Hinzu kommt, dass es „Spider-Man: Far From Home“ erstaunlich gut gelingt, den Zuschauer an der Nase herumzuführen. Viele Schlüsselmomente entwickeln sich komplett anders als selbst gestandene Filmkritiker vermutet haben. Immer wieder gibt es Szenen, die zweifelsohne überraschen, ohne jedoch plump oder an den Haaren herbeigezogen zu wirken.

Lediglich gewisse Logikfehler, die sich regelmäßig einschleichen, trüben das Erlebnis ein wenig. Sie sind relativ selten und fallen nicht sonderlich ins Gewicht. Doch wer mit einem aufmerksamen Auge dabei ist, dürfte sie schnell erkennen und die Frage stellen, ob es dafür nicht eine andere, logischere Alternative hätte geben können. So bleibt auch der neueste Einsatz der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft ein Film, der zu viel Nachdenken bestraft.

Zusätzlich entpuppt sich der große Plan des aktuellen Gegenspielers in diesem Werk als unnötig komplex. Entsprechend nimmt es etwas Zeit in Anspruch, alles ordentlich zu erklären. Die besagte Stelle hätte auch deutlich kürzer und in erster Linie verständlicher sein können. Dabei handelt es sich natürlich nur um einen kleinen Dämpfer in einer sonst gelungenen Handlung, trotzdem reißt die Erklärerei den Zuschauer raus.

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Der Mensch ist doch ein Augentier

Vorne weg sollte erwähnt werden, dass „Spider-Man: Far From Home“ vor allen Dingen Probleme beim Schnitt hat. Einige Szenenwechsel sind deutlich zu abrupt und manchmal sogar schlichtweg schlecht. Dadurch fühlt sich der Zuschauer ebenfalls immer wieder rausgerissen und bekommt das unangenehme Gefühl, gerade um eine längere Szene betrogen worden zu sein, die plump im letzten Moment gekürzt wurde.

Ob dies wirklich so ist, lässt sich natürlich nicht so einfach beantworten. Dass solche Ereignisse jedoch absolut stören, steht außer Frage. Abseits davon macht der Film in Sachen Bild aber nichts weiter falsch. Die Einstellungen sind super, die Kamerafahrten gut durchdacht und selbst rasante Actionszenen lassen sich leicht verfolgen, ohne zu sehr zu verschwimmen. Was in Superheldenfilmen schließlich keine alltägliche Leistung ist.

Wirklich hervorragend sind jedoch in erster Linie die alptraumhaften Sequenzen, in denen mit Spider-Mans Verstand Ping Pong gespielt wird und die stark an „Doktor Strange“ erinnern. Hinzu kommen ein paar ikonische Schauplätze in ganz Europa, die detailverliebt in Szene gesetzt wurden. Rein visuell ist der Film von Jon Watts also absolut empfehlenswert. Auch, oder gerade weil, die Actionsequenzen zu den besten des bisherigen MCU gehören.

Hinzu kommt eine sehr gute und wirklich passende Filmmusik, die sich den gezeigten Bildern nicht nur angenehm anpasst, sondern diese zusätzlich und manchmal nachdrücklich untermalt.

Schauspielerisch einwandfrei

Keine der Leistungen der anwesenden Akteure kann als lediglich durchschnittlich bezeichnet werden. Alle Schauspieler in diesem Werk geben sich nicht nur sichtlich Mühe, sondern agieren auch auf einem durchgehend hohem Niveau. Von den Superstars wie Jake Gyllenhaal und Samuel L. Jackson, bis hin zu Nebendarstellern wie Jon Favreau („Iron Man“, „The Jungle Book“) und Jacob Batalon („Letztendlich sind wir dem Universum egal“).

Besonders hervorzuheben ist neben Tom Holland die Darstellerin seiner Herzensdame MJ, hier verkörpert durch Zendaya Maree Stoermer Coleman („Greatest Showman“, „Gans im Glück“). Die zweiundzwanzigjährige Schauspielerin hebt sich noch einmal angenehm von ihren Kollegen und Kolleginnen ab und legt nach ihrem Auftritt im ersten Spider-Man-Teil eine Schippe drauf.

Bitte sitzen bleiben

Im Gegensatz zu „Avengers: Endgame“ verfügt „Spider-Man: Far From Home“ erneut über zwei Abspannszenen. Es empfiehlt sich also, sitzen zu bleiben, bis das Licht im Kino wieder angeht. Und dies mehr als jemals zuvor. Wo das MCU solche Momente nämlich meist nur genutzt hat, um noch eine Anspielung zu anderen Filmen des Universums einzubringen und einen kleinen Gag vom Stapel zu lassen, sind die Post-Credit-Szenen hier absolute Schlüsselmomente.

Fazit

Eine ruhige, jedoch durchaus unterhaltsame erste Hälfte wird in „Spider-Man: Far From Home“ durch eine rasante und mit vielen gelungenen Wendungen gespickte zweite Hälfte abgelöst. Das Werk fühlt sich erstaunlich frisch an und strotzt nur so vor Ideenreichtum. Wer dachte, mit dem MCU würde es bergab gehen, wird ab dem 04. Juli 2019 eines Besseren belehrt.

Bewertung: 4/5****

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 29.06.2019