"The Mule" Filmkritik - Clint Eastwood noch einmal vor der Kamera

  

Obwohl er mehrfach erwähnt hat, dass ihm die Lust danach, vor der Kamera zu stehen, gehörig flöten gegangen ist, dürfen wir Clint Eastwood ab dem 31. Januar wieder in einer Hauptrolle sehen. Zusammen mit Bradley Cooper und Laurence Fishburne ("Matrix", "Hannibal", "Mystic River") erzählt er, selbst ebenfalls als Regisseur tätig, die Geschichte des 90-jährigen Kriegsveteranen Earl Stone (im Original eigentlich Earl Sharp), welcher über fast zehn Jahre hinweg Drogen für das mexikanische Sinaloa-Kartell geschmuggelt hat.

Obwohl es den Mann und seine Erlebnisse tatsächlich gegeben hat, nimmt sich Eastwood eine gehörige Portion Freiheiten heraus, genau wie der Drehbuchautor Sam Dolnick, welcher sich von einem Artikel in der New York Times hat inspirieren lassen. Und so sollte die Vorlage auch verstanden werden: als Inspiration. Denn wenn auch die cineastische Umsetzung und die Realität nah beieinanderliegen, so unterscheiden sie sich in manch einem Bereich doch gewaltig.

the mule Header Kinostart US

Das Maultier

In erster Linie geht es in "The Mule" um eine Geschichte. Eine Geschichte, die es genau so vielleicht nie gegeben hat, die aber dennoch die notwendigen Höhen und Tiefen besitzt, um als spannend wahrgenommen zu werden. Dies ist aber hauptsächlich einer Person, und einer Person alleine zu verdanken; nämlich Urgestein Clint Eastwood ("Zwei glorreiche Halunken", "Gran Torino", "Million Dollar Baby") höchstpersönlich. Sein Charme, sein Charisma, trägt die Hauptlast der Geschichte, des Erzählstils und der humoristischen Pointen.

Wenn die Konfrontation mit den Verbrechern für weit aufgerissene Augen sorgt - sei es aufgrund der bedrohlichen Situation oder wegen des verspielten, komödiantischen Hauchs -, dann ist das Eastwoods Schauspiel und seiner einnehmenden Art zu verdanken. Sowohl als Hauptdarsteller als auch als Regisseur weiß der Mann eben, worauf es ankommt, wenn man gegenüber dem Kinobesucher einen sympathischen Eindruck hinterlassen und/oder eine Spannung zwischen zwei Charakteren aufbauen möchte.

Die Geschichte selbst, dass, was seinem Werk eigentlich erst die Existenzberechtigung gibt, ist jedoch eher irrelevant. Die Handlung lässt sich in wenige Worte fassen und zudem wurde die cineastische Variante der Realität gegenüber abgeändert ... und das nicht bindend zum Besseren. Tatsächlich scheint die Erzählung über den echten Earl Sharp in manch einem Bereich wesentlich reizvoller zu sein als das schlicht existierende Drama von Herrn Eastwood.

Hier steht, wie bereits angeschnitten, ein Mann im Vordergrund, sein Verhalten, sein Einfluss auf andere und seine Art, mit den Gegebenheiten umzugehen. Abgesehen davon gibt es nicht viel zu sehen und nicht viel zu erleben. Ich will nicht sagen, dass das nicht genug für eine geplante Abendunterhaltung sein kann, es ist lediglich von geringem Mehrwert. Es lassen sich keine neuen Erfahrungen sammeln, die so nicht auch auf einem Zettel in einem Glückskeks zu entdecken wären und die Spannung verfliegt aufgrund des übermäßigen Fokus auf eine Person, mit dessen Charakter, seinem Hintergrund, man sich nur schwer identifizieren kann.

Oder um es böse und leicht verdreht zu formulieren: wäre "The Mule" nicht so hochwertig umgesetzt worden und wäre Clint Eastwood nicht so gut in dem was er tut, dieser Film wäre wohl einfach nur langweilig. So ist er zwar ein solides Stück Kinogeschichte, jedoch lässt sich schwer sagen, für welche Sparte.

Der größte Kontrapunkt entsteht in den Passagen, in welchen es mit der Realität nicht nur nicht allzu genau genommen wurde, sondern die gänzlich der Fantasie des Produktionsteams entsprungen sind. Ohne die wahre Geschichte dahinter zu kennen, sollte es jedem aufmerksamen Zuschauer möglich sein, diese Momente sofort zu erkennen. Sie verraten sich nämlich dadurch, dass sie sich nur schwer in die restliche Handlung einfügen und unnötig überzuckert präsentiert werden. In diesen Minuten kratzt das Drama knapp am Empathieklischee vorbei.

Mule

Technisch 1A

Aus technischer Sicht fehlt es dem Film von Clint Eastwood an wenig bis nichts. Der US-amerikanische Superstar macht vor wie hinter der Kamera einen formidablen Job und abgesehen von kleinen, fast schon irrelevanten Fehlern und unnötigen Details, gibt es für mich keinerlei Ansatzpunkte, um sein Werk negativ zu kritisieren. Was hier, genau wie in der Erzählung selbst, fehlt, ist irgendeine Form der Möglichkeit, sich mit dem Gesehenen und den Charakteren zu identifizieren, ohne aus ähnlichen Verhältnissen zu stammen.

Längere Einstellungen sowie fast jede Szene arbeiten lediglich mit und ebenfalls für die Rolle von Clint Eastwood, Earl Stone.

All dies macht "The Mule", trotz seiner wenig imposanten Namensbedeutung, zu einem Einhorn. Genau wie das Fabeltier, welches existiert und es dennoch nicht tut, ist dieser Streifen gut, aber irgendwie auch nicht. Es ist einer dieser Filme, die man einmal guckt - und dies wahrscheinlich, sofern das Interesse am Genre vorhanden ist, nicht bereut - und ihn danach vergisst. Ein Werk, das lediglich gut darin ist, uns zu erinnern, dass es nie zu spät ist, sich zu ändern.

Schauspiel-Opa

Die gesamte Riege von "The Mule" macht einen formidablen Job. Vorne weg Bradley Cooper ("Ohne Limit", "Silver Linings", "Hangover"), welcher lediglich durch die dünne Ausarbeitung seiner Figur gebremst wird. Gefolgt von Herrn Eastwood selbst, bei welchem sich die Jahre im Schauspiel nicht nur bemerkbar machen, sondern regelrecht aufdrängen. Und mit beinahe allen weiteren Darstellern im Schlepptau, die durchgängig genau das Leisten, was minimal von ihrem Charakter gefordert wird; meist jedoch noch ein gutes Bisschen mehr.

Wie bei jedem anderen Film gibt es natürlich Ausnahmen, doch das Scheitern dieser Nebendarsteller, einen sauberen Job abzuliefern, ist von so geringer Bedeutung für das Gesamtwerk, dass es quasi gar nicht ins Gewicht fällt. Erwähnt werden sollte es dennoch und sei es nur, weil es sonst kaum etwas über dieses Drama zu sagen gibt.

Fazit

Clint Eastwood ist wieder einmal vor wie hinter der Kamera großartig. Sein neues Werk, "The Mule", wurde hochwertig umgesetzt und lässt aus technischer wie erzählerischer Sicht nur wenige Wünsche offen. Beim Inhalt ist dies eine gänzlich andere Sache. Was ihr zu sehen bekommt, ist interessant, manchmal sogar spannend, über weite Strecken jedoch völlig irrelevant. Der Stoff des Films ist klischeehaft ohne Ende, der Plot weitgehend ausgelutscht und alles dreht sich einzig und allein um Eastwood selbst, welcher das gesamte Gerüst mit rohem Schauspieltalent tragen muss.

Bewertung: 3/5***

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 31.01.2019