"Verschwörung" Filmkritik - Lisbeth Salander ist zurück!

  

Der schwedische Schriftsteller Stieg Larsson ist vor allen Dingen für die Millennium-Trilogie bekannt, die ersten drei Bücher einer geplant zehnteiligen Reihe. Durch sein frühes Ableben konnte er diese nie zu Ende schreiben, doch wurden die Werke nichtsdestoweniger zu großen Erfolgen. Unter Regisseur Niels Arden Oplev bekamen die Kriminalromane drei überaus gelobte, schwedische Filmumsetzungen und später, aus US-amerikanischen Hause, das Remake "Verblendung". Da auch dieser Teil äußerst erfolgreich war, konnte eine Fortsetzung bereits erahnt werden.

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Ein eigenwilliges Werk

Bei "Verschwörung" handelt es sich jedoch um ein recht eigenwilliges Werk und das nicht nur aus cineastischer Sicht. Zum einen basiert die Vorlage auf einem Buch von David Lagercrantz, welcher die Millennium-Trilogie von Larsson weitergeführt hat. Zum anderen ist das Werk von Fede Alvarez ("Don`t Breathe") ein Soft-Reboot, welches die Darsteller neu besetzt, Protagonistin Lisbeth Salander mit eingeschlossen. Nach Noomi Rapace in der schwedischen Version und Rooney Mara in David Finchers Umsetzung, ist es nun Claire Foy ("The Crown", "Aufbruch zum Mond", "Unsane - Ausgeliefert"), welche die ikonische Figur verkörpert.

Negativ

Noch unwirklicher wird es für geneigte Kinogänger jedoch, wenn man sich auf die Story des Films konzentriert, welcher große Teile seiner Vorlage einfach ignoriert. Zugegeben, die ausufernden Details des Buches sind in Filmform nur schwerlich umsetzbar, doch die Entscheidung, sich komplett auf die Hauptfigur zu konzentrieren, diese auch noch bewusst ins falsche Licht zu rücken und dabei die eigentliche Handlung auf ein Minimum zu reduzieren, erscheint beinahe surreal.

Statt also allzu sehr ins Detail zu gehen, kratzt "The Girl in the Spider`s Web" (wie der Film im Original heißt) lediglich an der Oberfläche und widmet sich abseits davon ausschließlich der Heldin und einem wilden Wirrwarr aus zu einem Action-Thriller verdichtetem Handlungssalat. Mit großartiger Raffinesse oder unerwarteten Wendungen wird sich gar nicht aufgehalten, stattdessen legt der Film von der ersten Minute an alle Karten offen auf den Tisch. Eckpunkte in der Geschichte werden sofort und manchmal sogar überdeutlich erklärt beziehungsweise in den Fokus gerückt, Nachdenken für den Zuschauer zu einem überflüssigen Geschäft.

Wäre da nicht eine ganz bestimmte Szene, in welcher es Regisseur und Hauptdarstellerin schaffen, lediglich durch Mimik und allgemeine Körpersprache, die wichtigsten Aussagen zu übermitteln, "Verschwörung" wäre völlig frei von subtilen Botschaften, versteckter Handlung oder auch nur dem geringsten Grund, aufmerksam und gewissenhaft der Geschichte zu folgen.

Als wäre all dies nicht schon schlimm genug, auf der einen Seite für Kinoliebhaber, andererseits für Fans der Vorlage oder sogar des Vorgängers, es wird noch schlimmer. So gut wie jede Nebenfigur in dem Film wird durch den neuen Fokus auf Lisbeth zu einer bloßen Randnotiz ohne großartige Daseinsberechtigung. Zwar werden einigen Charakteren ein/zwei Handlungen aufgezwungen, doch ist diese Tatsache so sinnlos wie die ihnen zugeteilten Aufgaben selbst. Ob sie mit dabei sind oder nicht, tut bis zum Ende nichts zur Sache und dort angekommen, werden sie lediglich zu Ausreden für einen semi-spannenden Aha-Moment.

Und dann wäre da noch die große Gegenspielerin der Protagonistin, die Anführerin der Verbrecherorganisation, die der Hackerin das Leben aktuell so schwer macht. Porträtiert von Sylvia Hoeks ("Berlin Station", "Blade Runner 2049", "Whatever Happens"), die mit ihrer Rolle wohl nicht unglücklicher hätte sein können. Ihrer Figur fehlt es sprichwörtlich vorne und hinten an Tiefe, an Motivation und an Glaubwürdigkeit. Eindimensional ist die Schurkin, farb- und kontrastlos.

Das ist natürlich nicht die Schuld der holländischen Schauspielerin, die sichtbar versucht, ihren Charakter so überzeugend und tiefschürfend wie nur möglich darzustellen, doch scheitert dieser Einsatz an allen Fronten an der fragwürdigen Entscheidung, den fiesen Konterpart lediglich genau das sein zu lassen: fies. Es gibt eine Erklärung dafür, warum die Figur ist, wie sie ist, doch wird dieser Umstand nicht ausgespielt, sondern lediglich zur Fußzeile im Plot.

Verschworung

Positiv

Am Ende bleiben wenig Dinge übrig, die "Verschwörung" noch halbwegs interessant erscheinen lassen. Doch trotz aller negativen Kritik, die ich dem Werk bis zu hierher zukommen lies, es gibt diese Lichtblicke tatsächlich. So sieht "Verschwörung" weitgehend einfach nur fantastisch aus, brilliert in visueller Hinsicht durch eine erstklassige Kameraarbeit und einem wohlüberlegten Schnitt. Der richtige Filter an der entsprechenden Stelle, die passende Bildeinstellung obendrauf und fertig ist die beinahe perfekte Untermalung zu den Ereignissen.

Hinzu kommt, dass Claire Foy die Hauptfigur tadellose spielt und ihr eine ganz persönliche, jedoch absolut stimmige Note aufdrückt. Ihr Spiel leidet in erster Hinsicht daran, dass die Frau, die wir hier zu sehen bekommen, nicht die Heldin aus den weltbekannten Büchern ist. Sie mag so heißen, sie mag die gleiche Vergangenheit kennen und sich auch hin und wieder wie Lisbeth verhalten, doch unterm Strich sind die beiden Damen ziemlich unterschiedlich. Warum diese Änderungen notwendig erschienen, kann von meiner Seite aus nur spekuliert werden, doch sie helfen weder der Geschichte noch den Fans der Vorlage.

Foy selbst liefert jedoch erstklassige Arbeit ab, zeigt uns eine deutlich schwerer vom Leben gezeichnete Titelfigur; älter verbitterter. Sie holt das maximal Mögliche aus ihrem Charakter heraus, zumindest soweit es das Drehbuch zulässt. Dadurch, dass Alvarez' Werk sein Vertrauen gleichsam wie den Fokus auf die Heldin der Geschichte setzt, werden beide Seiten an dieser Rolle umso deutlicher; sowohl Foys hervorragende Leistung als auch das Schundluder, was mit der Ausarbeitung der Figur selbst getrieben wurde.

Fazit

Letzten Endes ist "Verschwörung" keine komplette Zeitverschwendung. Es gibt durchaus spannende Momente, kleine Lichtblicke und mit zwei bis drei zugedrückten Augen kann sich auf lauwarmen Niveau durchaus gut unterhalten werden. Einzelne Puzzleteile, wie der visuelle Aspekt und die Leistung der Hauptdarstellerin, dürfen und müssen sogar löblich erwähnt werden. Abseits davon verdient dieser Film jedoch keinen Applaus. Das fertige Konstrukt ist nicht mehr und nicht weniger als der gescheiterte Versuch, gleichzeitig an den Erfolg der anderen Verfilmungen anzusetzen und dem bereits Bekannten einen neuen Anstrich zu verleihen. 

"Verschwörung" ist ab heute in den Kinos zu sehen.

Bewertung: 2/5**

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 22.11.2018