"Widows - Tödliche Witwen" Filmkritik

  

Die Geschichte von "Widows - Tödliche Witwen" wirkt auf den ersten Blick, als könne sie direkt der Oceans-Reihe entliehen worden sein. Stattdessen basiert das neue Werk von Steve McQueen auf einer Mini-Serie aus den 1980er Jahren und beschäftigt sich deutlich weniger mit den handlungstragenden Figuren, als viel mehr mit der Handlung selbst. Wo Gary Ross' Krimi-Komödie aus diesem Jahr vor allem Frauenpower der Marke Hollywood darstellte, liegt der Fokus hier auf einer Welt aus Hass, Intrigen, Verrat und Korruption.

Widows

Zur Handlung - Oceans 4

Eine Welt, welche Veronica (Viola Davis) ihren luxuriösen Lebensstil ermöglicht hat. Ihr Mann, Harry (Liam Neeson), hat mit seinen kriminellen Machenschaften eine Menge Geld verdienen können, doch nun ist er, zusammen mit einigen Partnern, bei einem Coup ums Leben gekommen. So steht Veronica nicht nur ohne Ehemann da, sondern, wie ihr schnell klar wird, auch mit einer gehörigen Ladung Problemen. Denn Harry schuldete dem skrupellosen Gangster Jamal Manning, gespielt von Brian Tyree Henry, zwei Millionen US-Dollar.

Manning, überzeugt davon, dass die Schulden nun auf Veronica übergegangen sind, erwartet schon bald sein Geld und der brutale Geldeintreiber Jatemme (Daniel Kaluuya) soll sicherstellen, dass sich seine Schuldnerin nicht vor ihren Pflichten drückt. Doch überraschenderweise hat diese gar nicht vor, den Kopf in den Sand zu stecken und sich der Gefahr zu entziehen, stattdessen will sie einen geplanten Überfall ihres verstorbenen Mannes in die Tat umsetzen und mit der Beute ihre Schulden begleichen.

Helfen sollen ihr dabei die Ex-Frauen von Harrys Partnern, welche, genau wie Veronica, alle ihre ganz eigene, spezielle Persönlichkeit haben und damit auch recht unterschiedliche Arten auf den Tod ihrer Männer zu reagieren und mit der neuen Realität umzugehen. Dabei handelt es sich um Michelle Rodriguez, in ihrer Paraderolle als taffe Braut, "Der Große Gatsby"-Star Elizabeth Debicki als die schüchterne Alice und Cynthia Erivo als Friseurin und Fluchtfahrerin Belle ...

Der Aufbau - 1983 - 2018

Der britische Regisseur Steve McQueen ("Shame", "Twelve Years A Slave", "Hunger") ist nicht unbedingt für seine leicht zugänglichen Filme bekannt. Ganz im Gegenteil, seine bisherigen Werke erforderten beinahe alle eine ordentliche Portion Aufmerksamkeit von Seiten des Zuschauers, Empathie auf einem gehobenen Level und die Fähigkeit, subtile Botschaften und Andeutungen lesen zu können. Zwar lassen sich seine cineastischen Ausflüge auch auf der Gehirnaktivität Sparflamme genießen, doch geht dann leider viel verloren.

In "Widows - Tödliche Witwen" macht es McQueen dem geneigten Kinozuschauer etwas einfacher, verzichtet weitgehend auf Reisen in psychologische Tiefen und stellt die persönlichen Probleme der Figuren, ihre emotionalen Bedürfnisse, in den Hintergrund. Statt sich auf Schmerz, Süchte, Willensstärke und andere Aspekte des menschlichen Seins zu konzentrieren, steht der Fortlauf der Geschichte, wie es zu den Umständen kam und wie nun an einer Lösung gearbeitet wird, im Vordergrund.

Teilweise in Form einer fast schon klassischen Kriminalgeschichte, andererseits als bitterböse Fallstudie über die Gesellschaft der Moderne. Der Heist selbst nimmt nur einen Bruchteil der Laufzeit in Anspruch, während der Aufbau, das detaillierte Verarbeiten und die Nähe zu einer bekannten Realität, den Takt angeben.

Die grundsätzliche Qualität dieses Films leidet letzten Endes nur darunter, dass viele Eckpunkte der Geschichte lediglich angedeutet werden, jedoch nie zur Gänze verarbeitet. Wo die Vorlage, eine Mini-Serie aus dem Jahr 1983, noch die Zeit hatte, auf deutlich mehr Aspekte des komplexen gesellschaftlichen wie politischen Systems zu sprechen zu kommen, muss sich McQueens Version damit zufrieden geben, wenigstens die richtigen Anspielungen gemacht zu haben.

Zeit und Umfang

Abseits davon gibt es noch eine weitere Ebene in diesem Werk, welche vor allem als Verbindungsstück zur Haupthandlung und dem Konzept dient, Politik und Verbrecherwelt in einem ähnlichen Licht dastehen zu lassen. Der Geldeintreiber Jatemme, welcher hier mehr als überzeugend von Daniel Kaluuya ("Get Out", "Black Mirror", "The Fades") verkörpert wird, bewegt sich trittsicher in zwei Welten, verankert die Handlung rund um Veronica mit einer größeren, düstereren Welt, welche ihre eigenen Geheimnisse, Abgründe und, auf eine masochistische Art, auch Verlockungen bereit hält.

Gerade hier zeigt sich leider aber auch am Deutlichsten, dass dem Thriller/Drama vorne und hinten Zeit fehlt. In knapp 130 Minuten, so lang diese Spanne auch scheinen mag, lassen sich einfach nicht alle Stränge zufriedenstellend zu einem Ende führen. Fragen bleiben offen, angesprochene, fast schon versprochene Ereignisse treten nicht ein und eine Anspannung, die bis in den letzten Teil des Films aufgebaut wird, entlädt sich unbefriedigt in eine Irrelevanz.

Wiedergutmachung leistet hier vor allen Dingen der Part von Politiker Jack Mulligan, gespielt von Colin Farrell ("True Detective", "Brügge sehen... und sterben?", "Minority Report"). Der korrupte Mann des Volkes ist auf eine höchst unangenehme Art und Weise glaubhaft, von seinem Akteur mehr als überzeugend verkörpert und ein wichtiger Baustein für die große Fassade, welche hinter dem scheinbar ach so relevanten Plot rund um den Raubüberfall als tatsächlicher Ort der primären Handlung dient.

Unter anderen Umständen wäre "Widows - Tödliche Witwen" einfach nur ein Krimi über kriminelle Frauen und ihre unterschiedlichen Motivationen gewesen. Doch unter der Regie und Mitarbeit am Drehbuch von McQueen wurde daraus ein Spiegel für die Gesellschaft. Die urbane Geschichte schafft es immer wieder, durch politische, rassistische und geschlechtsspezifische Fragen zu elektrisieren und Diskussionsbedarf aufzubauen, während die Oberfläche des gesamten Szenarios oftmals für sprichwörtliche Tauchgänge durchbrochen wird.

Technisch formidabel

Das Erlebnis wird dadurch angenehm abgerundet, dass der Film aus technischer Sicht äußerst hochwertig verwirklicht wurde. Die Geschichte harmoniert nicht nur mit der überaus soliden Kameraarbeit, sondern scheint durch diese sogar an Mehrwert zu gewinnen. Durch einen cleveren Schnitt, starke Schauspieler im Vorder- wie Hintergrund und der äußerst intensiven Filmmusik von Hans Zimmer entstand ein Film, der alle Beteiligten gut dastehen lässt, den geneigten Zuschauer beinahe ohne Abzüge begeistern sollte und sich nur wenige Fehler erlaubt.

Fazit

Technisch äußerst hochwertig, inhaltlich ein nervenaufreibender Mix aus Thriller, Krimi und Charakter-Drama. "Widows - Tödliche Witwen" erlaubt sich nur wenige Fehler, welche ihm beinahe durchgehend verziehen werden können. Einzig der unnötige Twist im Finale, welcher dem Erlebnis einen mittelgroßen Dämpfer verleiht, bleibt als kleiner Kloß im Hals zurück. Abseits davon könnt ihr mit einem Besuch in McQueens neuem Werk nicht viel falsch machen. Kinostart ist am 06.12.2018.

Bewertung: 4/5****

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 03.12.2018