"Wir" Filmkritik - Moderner Horror mit Twist

  

Es ist schwer geworden, den regelmäßigen Kinogänger noch zu erschrecken. Vor allen Dingen dann, wenn entsprechende Person dem Horrorgenre zugeneigt ist und schon so einiges in diesem Bereich gesehen hat. Kein Wunder also, dass Filmemacher nach immer neuen Wegen suchen, Vati zum Zucken zu bringen und Mutti hinter die Couch springen zu lassen. Mit "Wir" versucht Regisseur Jordan Peele ("Get Out", "Keanu") den geneigten Zuschauer mit etwas zu konfrontieren, was es so noch nicht zu sehen gab.

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Spiegelbilder - Zur Story

Adelaide (Lupita Nyong’o) und ihr Mann Gabe (Winston Duke) haben zwei wunderbare Kinder und leben in einer glücklichen Ehe. Die perfekten Voraussetzungen, um gemeinsam den Urlaub am Meer zu genießen. Es gibt da nur ein Problem: Mama Adelaide ist kein großer Fan von Stränden und schon gar nicht von dem, den sie mit ihrer Familie nun besuchen soll. Denn als sie noch ein kleines Mädchen war, hatte sie eine verstörende Erfahrung an genau diesem Ort.

In einer regnerischen Nacht schlich sie sich in ein Spiegelkabinett nahe des hiesigen Rummels und sah dort ein Kind, dass ihr bis aufs Haar glich. Eine Begegnung, die sie nie vergessen konnte und in ihr bis heute die Angst aufrechterhielt, das andere Mädchen könne ihr nachstellen wollen. Oder Schlimmeres. Wie sich bereits am ersten Abend im Ferienhaus herausstellt, lag sie damit gar nicht einmal so falsch, denn plötzlich taucht vor ihrer Tür eine Frau auf, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht.

Doch sie ist nicht alleine. In ihrer Gesellschaft befinden sich ein Mann und zwei Kinder, die die Doppelgänger ihrer eigenen Familie sein könnten. Und diese Leute sind alles andere als friedlich gesinnt. Mit scharfen Scheren bewaffnet bedrohen sie das Leben ihrer Angehörigen. Aber Mama Adelaide ist niemand, die sich so einfach einschüchtern lässt, nicht, wenn es um das Wohlbefinden ihres Nachwuchses und ihres Ehemanns geht ...

Der richtige Ansatz

Eines muss man dem Film von Jordan Peele lassen, er relativ schwer zu durchschauen. In jeder Minute wird klar, dass der Regisseur und Schauspieler bemüht war, seinen Streifen so undurchsichtig wie nur möglich zu gestalten - zumindest in Sachen Vorhersehbarkeit. Außerdem kopiert er nicht das ausgelutschte Genre der letzten Jahrzehnte, sondern schafft etwas völlig Eigenes, mit frischen Ansätzen und frei von vielen Klischees, die für manch einen bereits zum guten Ton in Horrorfilmen gehören.

Dabei verfügt das Werk über eine angenehme Spannungskurve. Nach einem langsamen Aufbau wird der Zuschauer mit der Frage gelockt, was als Nächstes passiert, beziehungsweise, was es überhaupt mit der grotesken Home Invasion auf sich hat. Der Ansatz eines Thrillers ist allgegenwärtig, steigert sich dann bis zu einem Klimax, der sich wiederum in rasanteren Szenen entlädt und einem Finale, das durchaus als überraschend bezeichnet werden kann.

Die schauspielerische Leistung, die von den vier Hauptakteuren präsentiert wird, befindet sich dabei durchgehend auf einem überdurchschnittlichen Niveau, untermalt von der löblichen Fähigkeit, zwei verschiedene Rollen auf gänzlich unterschiedliche Art zu spielen. Manchen, wie Shahadi Wright Joseph, welche Töchterchen Zora spielt und Mama Jordan Peele, verkörpert von Lupita Nyong’o ("Black Panther", "Star Wars: Die Mächte des Schicksals"), gelingt das etwas besser als den männlichen Kollegen, doch unterm Strich erledigen alle einen formidablen Job.

Wir

Die verstörende Umsetzung

Soweit, so gut. "Wir" hat die richtigen Ansätze, eine grundlegend spannende Geschichte und Schauspieler, die ihren Job anständig machen. Da darf durchaus die Frage gestellt werden, was noch schief gehen kann. Nun, wie sich herausgestellt hat, mehr als man vermuten dürfte. Peeles Film besteht nämlich nicht nur aus diesen Zutaten, sondern auch aus einigen anderen Ideen, die sich eher schlecht als recht in das Gesamtbild einfügen.

Zum einen ist da der Humor, welcher sich durch das gesamte Werk zieht. Slapstick und Kalauer zum Fremdschämen, die den Zuschauer aus der bedrohlichen Situation, aus dem düsteren Grundkonzept, zerren und mit etwas konfrontieren, das mit dem Versuch, sich zu gruseln, geschockt zu werden und/oder vor Spannung an den Fingernägeln zu knabbern, nicht konform geht. Manche dieser Szenen sind jedoch, so unpassend sie erscheinen, pure Absicht.

Andere passieren eher aus Versehen, bringen den geneigten Kinogänger, trotz ihres deutlichen Versuchs zu schocken, zum Lachen. Oder, je nach eigener Einstellung, dazu, sich die Hand gegen die Stirn zu klatschen. In einer Mischung aus beabsichtigter und versehentlicher Comedy wird der Faktor des Gruselns beinahe komplett zunichtegemacht.

Was bleibt, ist eine Art Mix aus Komödie und Horror, jedoch nicht, wie es sein sollte. Statt die zwei Elemente zu verbinden und als Horrorkomödie funktionieren zu lassen, wirken beide Parts völlig losgelöst voneinander und gleichzeitig absolut ernst gemeint. Sie vermischen sich schlecht, bauen selten aufeinander auf und stehen oftmals nicht im Zusammenhang miteinander, was zu einem mehr als gewöhnungsbedürftigen Filmerlebnis führt.

Zusätzlich - und das mag der viel wichtigere Punkt auf der Kontraseite sein - sind die Wendungen und Auflösungen in dem Film teilweise so krude und an den Haaren herbeigezogen, dass es schwerfällt, das Gesehene ernst zu nehmen. Wenn es dann an die Erklärung geht und zuvor gezeigte Details sich zusammenfügen, braucht es schon eine gehörige Portion Bereitschaft von Seiten des Zuschauers, die Antworten schlichtweg hinzunehmen.

Etwas anderes bleibt einem nicht übrig, denn "Wir" lässt quasi keine Fragen offen, sondern präsentiert für alles eine Auflösung; mal ziemlich deutlich, mal ein wenig subtiler. Die Erklärungen sind nur leider teilweise so - und verzeiht an dieser Stelle meine Ausdrucksweise - dämlich, dass jeglicher Versuch, das Gezeigte logisch zu erläutern, zur Farce wird.

Fazit

Bei einer Sache sind sich die Kritiker weltweit relativ einig, "Wir" ist auf jeden Fall ein Film, den man so eher selten zu sehen bekam. Doch vielleicht hat das auch seinen Grund. Dem Horrorfilm von Jordan Peele gelingt der Mix aus Grusel und Comedy nicht sonderlich gut, wirkt durch diesen Ansatz eher wie eine merkwürdige Mischung aus den beiden Peele-Werken "Get Out" und "Keanu".

Gleichzeitig stehen nette, neue Ideen, ein moderner Anstrich im Genre des Horror und durchweg überdurchschnittliche schauspielerische Leistung äußerst fragwürdigen Wendungen und vielen Logiklöchern gegenüber. "Wir" ist ein Streifen, den Fans von Gruselfilmen auf jeden Fall eine Chance geben sollten, aber nur dann, wenn sie bereit sind, einige Abstriche in der B-Note hinzunehmen und damit leben können, dass der Humor hier beständig den Gruselfaktor unterbricht.

Bewertung: 3/5***

Filmkritik von Heiner "Gumpi" Gumprecht, 20.03.2019